Von Ratzersdorf

nach Geisenheim

Flucht und Vertreibung 1945 - 1947

Von Jolan Peters  

 

(Veröffentlicht im Heimatblatt der Karpatendeutschen Landsmannschaft in Österreich Heft 9/10 1997)

 

Dezember 1944. Der Krieg wütet weiter, die Front rückt näher und näher und der Flüchtlingsstrom wird immer größer. Auch in Ratzersdorf wird die Evakuierung der Deutschen vorbereitet. Pro Familie ist ein Eisenbahnwaggon vorgesehen, bewegliches Gut und Lebensmittel können mitgenommen werden. kurz nach Weihnachten ist es dann soweit. Die Kisten werden abtransportiert, die zur Evakuierung bestimmten Personen haben sich zum Bahnhof in Preßburg zu begeben. keiner glaubt, dass es ein Abschied für immer ist. Sobald der Krieg zu Ende ist, werde man zurückkehren. An die 100 Personen, Kinder, Frauen und alte Männer, besteigen den Zug, der am Silvesterabend Preßburg verlässt.

Am Neujahrstag 1945 trifft der Zug in Görlitz ein. Die Familien werden in einer Schule mit vielen anderen Flüchtlingen auf notdürftigen Lagerstätten untergebracht. Sie lernen erstmals das harte Lagerleben kennen. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Am nächsten Tag geht die Fahrt weiter in Richtung Trautenau. In Schurz, am Fuße des Riesengebirges, werden die Familien in einem alten tschechischen Hotel am Waldrand einquartiert. Ein Lagerleiter und eine Rot-Kreuz-Schwester betreuen sie.

Die Väter, die den Zug begleitet hatten, fahren zurück in die Slowakei. Sie sollen als Männer des „Heimatschutzes“ die verlassenen Häuser bewachen und das Vieh betreuen. Die Frauen werden in um Schurz herum befindliche Rüstungsbetriebe zur Arbeit eingeteilt. Jolan darf aber im Hotel bleiben; sie kocht und versorgt den kleinen Haushalt.

So leben die Flüchtlinge im allgemeinen recht friedlich dahin und hoffen, dass der Krieg bald zu Ende ist und sie in ihre Heimat zurückkehren können. Gegen Ende April 1945 erleben sie im Hotel am Waldrand den Rückzug des deutschen Militärs und bald darauf den Einzug der ersten Russenpanzer. Die Mädchen und Frauen trauen sich keinen Schritt auf die Straße. Die vielen Schreckensnachrichten über Vergewaltigungen haben sie ängstlich gemacht. Immer wenn sich russische Soldaten nähern, schlagen die Männer Alarm und die Frauen und Mädchen verkriechen sich in Verstecken.

Wieder einmal näherte sich ein Russe dem Hotel. Onkel Martin versuchte, ihn abzuhalten. Dies gelang ihm auch, aber anders als gewollt. Der Russe hatte nämlich die schönen Reitstiefel erblickt, die Onkel Martin anhatte. „Dawai, dawai!“, rief er und verlangte die Stiefel. Onkel Martin musste sie ausziehen und ihm geben. Er war aber froh, dass der Russe zufrieden weiterzog, wusste er doch, dass er mit seinem Opfer den Frauen geholfen hatte.

Wieder einmal waren die weiblichen Insassen des Hotels in die kleine Rumpelkammer geflüchtet. Durch ein kleines Fenster konnten sie in den Hotelgarten schauen. Dort lagerte eine Familie mit ihrem Treckwagen und konnte nicht weiter, weil ihr die Russen die Pferde abge­nommen hatten. Die Familie bestand aus einem älteren Ehepaar mit seinen zwei Töchtern und einem Säugling. Zwei Russen kamen heran, einer drängte die etwa 16-jährige Tochter in den angrenzenden Wald, der zweite hielt mit gezogener Pistole die anderen Familienmitglieder in Schach. Die junge Mutter hatte ihren Säugling auf dem Arm und versuchte, den Soldaten von ihrer Schwester ab zuhalten, aber vergeblich. Da legte die junge Frau der Säugling in die Arme ihrer Mutter, schob die Schwester zurück zur Familie und begab sich an ihrer Stelle mit dem Russen in den Wald. Nach einer Weile kam sie weinend und gebrochen zurück, setzte sich auf den Boden und verbarg ihr Gesicht. Es war eine erschütternde Szene.

Ein anderes Mal saß Jolan mit einigen Mädchen im Zimmer, als der Ruf „Russen kommen!“ durch das Haus drang. Die Mädchen erfasste Panik, sie liefen auseinander, um sich zu verstecken. Schon war das Gepolter von Sol­datenstiefeln auf der Treppe zu hören. Jolan, ihre Schwester Adele und Kusine Elli liefen den Gang entlang und versteckten sich im hintersten Zimmer. Obwohl sie sich im 3. Stockwerk des Hauses befanden, öffneten sie die Fen­ster, um eventuell hinausspringen zu können. Als sie die Tür abschließen wollten, war kein Schlüssel da, ein Riegel war nicht vorhanden. In panischer Angst stemmten sich alle drei gegen die Tür, als sie die nahenden Schritte auf dem Flur hörten. Die Soldaten gingen von Tür zu Tür. Jetzt rüttelten sie an der Tür der Mädchen. Da sie sich nicht leicht öffnen ließ, gingen sie weiter, offenbar in der irrigen Meinung, dass es sich um eines jener Zimmer handelte, die die Tschechen als Lagerräume versperrt hielten.

Eines Tages kamen tschechische Polizisten ins Hotel und ließen alle Bewohner im Hof Aufstellung nehmen.

Jeder musste seinen Ausweis mitnehmen und herzeigen. Die Papiere wiesen die Inhaber als slowakische Staats­bürger aus „Was seid Ihr, Deutsche oder Slowaken?“. „Wir sind Deutsche aus Ratzersdorf“, lautete die Antwort. Worauf der Tscheche zu seinen Leuten sagte: Lasst sie in Ruhe, die sind in Ordnung! Und fügte hinzu, dass er als junger Polizist in Ratzersdorf gedient und bei den gastfreundlichen Bewohnern eine schöne Zeit verbracht habe. Worauf die Soldaten die Gewehre senkten und abzogen. Wie ein Wunder kam dies den Karpatendeutschen vor, und es war ihnen klar, dass sie gerade einem Massaker entgangen waren, wusste sie doch, dass andere deutsche Familien in der Umgebung von den Tschechen niedergeschossen worden waren oder sich aus Verzweiflung das Leben selber genommen hatten.

Die Flüchtlinge mussten das Hotel verlassen und in ein Barackenlager umziehen. Dort herrschten unbeschreib­liche Zustände. Die Frauen mussten zuerst mit einer Großsäuberung beginnen. Die Strohsäcke mussten mit Gras und Laub neu gefüllt werden, in den Bettgestellen wimmelte es von Wanzen; sie mussten herausgewaschen werden, doch war das Ungeziefer nicht umzubringen. Es gab auch keine Toilette, nur ein Plumsklo außerhalb der Baracke. In den Nächten wurde ein in einer Ecke aufgestellter Topf benützt. Das Leben in dieser Behausung war kaum zu ertragen.

Inzwischen war es Juni geworden. Noch immer hörte man von herumstreunenden Russen und Vergewalti­gungen. Oft verwies die tschechische Bevölkerung die Russen auf die Baracken.,, Dort sind Deutsche“, sagte man ihnen. So wurden die Barackenbewohner immer wieder von Russen belästigt. Eines Tages weckten Kolbenschläge an der Tür die Schlafenden auf. Zwei Russen begehrten Einlass. Sie stiegen auf die unteren Betten und hielten, mit einer brennenden Kerze in der Hand, Nachschau nach Mädchen. „Vater unser, der du bist im Himmel...“   betete Jolan unter ihrer Decke. „Da schlafen nur Kinder“, rief ihr Vater den Russen zu, die sich dadurch tatsächlich davon abbringen ließen, genauer nachzuschauen. Sie wandten sich dem nächsten Stockbett zu. Dort lag eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter und oben lagen ihre beiden Buben, 10 und 12 Jahre alt. Die Russen versuchten, die Frau vom Bett zu zerren. ,, Lasst unsere Mutter in Ruh!“, schrieen die Buben auf slowakisch und schlugen den Russen mit ihren Fäusten auf die Köpfe. Und abermals geschah ein Wunder: die beiden Soldaten ließen von der Frau ab und zogen, wüst schimpfend, weiter. „Ich war wie gelähmt“ , sagte die Frau nachher, „ich hätte mich nicht wehren können. Sicherlich hatten auch die slowakischen Sprachkenntnisse ihre Wirkung gehabt, aber es war, als ob ein Engel seine Hände schützend über die Armen gehalten hätte.

Eines Tages kamen slowakische Gendarmen ins Lager und holten einige deutsche Männer ab. Sie wurden verhört, geschlagen und eingesperrt. Stefan, Jolans Vater, blieb aber verschont. Er hatte sich kurz vor Kriegsende seinen slawischen Familiennamen verdeutschen lassen und entging so den Nachstellungen.

Nach und nach wurden die letzten Sudetendeutschen aus ihren Häusern und Wohnungen geholt und abge­schoben. Ihre Wohnungen erhielten die Slowakei-Deutschen. Nun hatten sie endlich menschliche Behausungen.

Die Lebensmittelzuweisungen blieben aber sehr knapp bemessen, und Jolan wusste oft nicht, wie sie für die ganze Familie ein Essen auf den Tisch stellen sollte. Aber immer wieder kam von irgendwoher Hilfe. Wenn Jolan im Bäckerladen die Brotration für die Familie einkaufte, steckte ihr die tschechische Besitzerin manchmal heimlich ein Extrabrot zu. Für eine andere Tschechin im gleichen Haus übernahm Jolan Näharbeiten und bekam dafür ebenfalls Lebensmittel.

Die tschechischen Behörden erließen Anweisung, dass sich die Deutschen durch weiße Armbinden am linken Oberarm öffentlich kennzeichnen müssen. Sie wurden auch verschiedenen Beschränkungen unterworfen, durften den Ort nicht verlassen, keine Lokale, Tanzveranstaltungen und Kinos besuchen.

Trotzdem waren die Karpatendeutschen dank ihrer slowakischen Sprachkenntnisse den Verfolgungen nicht so ausgesetzt wie die Sudetendeutschen „Unsere Slowakei-Deutschen“ wurden sie von den Tschechen genannt und besser behandelt.

Die Karpatendeutschen arbeiteten vielfach auf tschechischen Gutshöfen. Als Landwirte verstanden sie viel von dieser Arbeit. Sie bekamen nun auch Lebensmittelmarken und eine Entlohnung. Auch Jolans Vater, Stefan, wurde einem tschechischen Bauern in einem Dorf zugeteilt. Er kam mit einem Rucksack voller Lebensmittel, Speck, Eier und anderer Kostbarkeiten, heim. Der Bauer hatte ihm auch das Angebot gemacht, mit seiner Familie als Arbeiter auf seinen Hof zu kommen, doch hatte Stefan dies abgelehnt, er wollte kein Knecht eines tschechischen Bauern sein.

Die geflüchteten Karpatendeutschen erfuhren nun, dass sie nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren dürfen und die Abschiebung der dort Verbliebenen bereits in vollem Gange ist. So drängten sie jetzt darauf, auch bald ausgesiedelt zu werden.

Im August 1946 war es soweit. Auf offenen Lastwagen wurden sie zum Bahnhof gebracht. Nur 20kg Gepäck durfte mitgenommen werden. Dicht gedrängt standen sie mit ihren weißen Armbinden auf der Ladefläche. Der Fahrer fuhr nicht sanft, er hatte ja nur Deutsche als Fracht. Ruckartig hielt er vor dem Bahnhof, und nur die Dichte der aneinander gedrängten Körper schützte die Menschen vor einem Sturz.

Sie wurden in leere Viehwaggons geladen. Jeder hatte nur so viel Platz, dass er auf seine wenigen Habseligkeiten am Boden seinen Kopf legen konnte. Ein Eimer in der Mitte des Waggons war für die Notdurft bestimmt. Die Fahrt dauerte einige Tage und Nächte. Wenn der Zug anhielt, wurde die Schiebetür geöffnet, um frische Luft her einzulassen. Wohin die Fahrt ging, wusste niemand, bis sie in Mecklenburg in einem von Russen verwalteten Lager zu Ende war.

In Blockhütten aus Holzstämmen, mit offenen Fenster- und Türrahmen ohne Verglasung, auf seitlich an den Wänden aufgeschüttetem Stroh verbrachten die Ankömm­linge hier 4 lange Wochen.

Inzwischen war es September geworden. Die halb Ver­hungerten marschierten zum Bahnhof und wurden erneut verladen. Nach stundenlanger Fahrt kam der Zug in Werder bei Lübz an. Die Familien wurden zu Bauern gebracht. Jolans Familie geriet an einen Bauern, der zwar wenig Platz für sie hatte, ihnen aber reichlich zu essen gab, wofür ihm bei der Arbeit geholfen wurde.

Es war bereits November, als Stefan und sein Schwager Matthias den Entschluss fassten, sich bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Westdeutschland zu begeben. Nach einigen Tagen kehrte Matthias enttäuscht zurück. Stefan schlug sich aber bis an den Rhein durch, um sich als Quartiermacher für seine Familie umzusehen. Sodann kehrte auch er zu seiner Familie zurück.

Im April 1947 entschlossen sich 6 karpatendeutsche Familien zur Flucht in den Westen, darunter befand sich auch Jolans Familie. Ein bezahlter Führer brachte sie über die grüne Grenze. Nun befanden sie sich in der englischen Besatzungszone, wollten aber weiter an den Rhein in die amerikanische Zone Deutschlands. Stefan, Paula und ihre 4 Töchter Jolan, Adele, Malwine und Ingeborg saßen nun, müde und erschöpft von den Strapazen der Flucht, in einem Eisenbahnzug, der sie in das Rheinland brachte. An den Abhängen des Vortaunus sahen sie Weinberge, die jenen in Ratzersdorf glichen. Und als sie den Rhein erblickten, der sie an die Donau erinnerte, rief Adele überwältigt:“ Das wird unsere zweite Heimat!“.