Geschichte

der

Evangelischen Kirchengemeinde

Ratzersdorf

 

 

 

An dieser Stelle veröffentliche ich den Text einer Festschrift, die anlässlich des 50-jährigen Bestehens der evangelischen Kirchengemeinde Ratzersdorf am 17.05.1885 veröffentlicht wurde. Diese beinhaltet eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Ortes, der Kirchengemeinde, dem Kirchenbau 1834, sowie mehrere Listen mit Namen von ehemaligen Einwohnern, die sich in besonderer Weise für das Wohl der Gemeinde hervorgetan haben (Lehrer, Inspektoren, Kirchenvorsteher, Kirchenväter, Schulväter und Wohltäter (Spender). Alle im Text vorkommenden Namen habe ich farblich gekennzeichnet, was die Arbeit eines Familienforschers erheblich vereinfacht.

 

Norbert Gschweng, Greifswald 2001

Vorwort   

Im Grunde genommen ist es keine kirchengeschichtliche Monographie, die wir in diesem Werkchen bieten. Denn teils ist sie als solche nicht gehörig erschöpfend, teils enthält sie mehr, als in den Rahmen einer solchen hineinpassen will.

Denn zunächst standen mir, namentlich aus der älteren Vergangenheit nur wenige und zerstreute urkundliche Daten zu Gebote, die erst mit Mühe und Fleiß aus den wenigenvorhandenen kirchengeschichtlichen Werken und anderen Denkmälern gesammelt werden mussten, so dass es überhaupt fraglich war, ob ich das Werk beginnen solle?

Sodann habe ich neben der eigentlichen Lokalgeschichte auch die des Landes in kirchlicher und politischer Beziehung zur Hilfe genommen: um von den allgemeinen Zuständen auf die besonderen das erforderliche Licht zu werfen, somit verständlicher zu werden.

Ferner ist noch zu bemerken, dass ich für das evangelische Landvolk schrieb, dem ich die denkwürdige vaterländische Geschichte einer vielbewegten Vergangenheit und einer, das Siegel des Martyriums an sich tragenden Kirche nicht vorenthalten wollte. Daher habe ich auch diese, wo es notwendig war, wenigstens in kurzen Umrissen zum besseren Verständnis der eigenen Geschichte mit einzuweben für gut gefunden. Die evangelische Kirchengemeinde A.B. in Ratzersdorf feiert am 17. Mai des Jahres 1885 das fünfzigjährige Jubelfest der Einweihung ihrer Kirche, damit zugleich auch ihres 50-jährigen Bestandes als einer selbständigen Gemeinde. Es sollen deshalb diese Blätter einfach nur Gedenkblätter aus der älteren und neueren Geschichte dieser evangelischen Kirchengemeinde zu ihrem 50-jährigen Jubelfeste sein.

Der Herr, unsere Hilfe zu aller Zeit, zur Kräftigung im Glauben, seinen himmlischen Segen legen !

    

Ratzersdorf, am 17. Mai 1885

 

Der Verfasser. (Gustav Polevkovics)

 

 

 

Einleitung

 

Topografische Lage des Ortes, dessen Einwohner, 

Lebenserwerb, kulturellen Zustände

 

Der ehemalige Marktflecken  Ratzersdorf, jetzt Récse, eine Großgemeinde der Pressburger Komitate, liegt 8 Kilometer weit von der Stadt Pressburg entfernt, ziemlich in der Mitte an der Landstraße zwischen St. Georgen und Pressburg und ist zugleich Station und Verbindungspunkt der Waagtalbahn.

An den süd-östlichen Abhängen des „kleinen Karpatengebirges“ als eine einzige, in langem Bogen gegen Osten sich hinziehende Gasse malerisch gelegen, wird es im Rücken und zu beiden Seiten von gut kultivierten Weingärten umgeben, welche einen Flächenraum von 552 Katastral-Joch und 1529 (Quadrat)-Klastern repräsentieren und annähernd einen Weinertrag von durchschnittlich 20.000 Eimern (11,313 Hektolitern) per Jahr mit dem durchschnittlichen Reinertrag von 100.000 fl. österr. Währ. Liefern.

Während über den Weingärten hinaus den Hintergrund bewaldete mäßige Höhen mit hervorragenden Spitzen (Darunter der „Große Kogel („Schweinskogel“), der „Kleine Kogel“, der „Haiduckenberg“ u. A. ), voll wunderbarer Fernsicht, durch tiefe Taleinschnitte unterbrochen, umsäumen, wird die Langseite des Ortes gegen Süd-Osten auch durch Weingärten begerenzt, welche sich dann allmählich an der Sohle zu der bei Pressburg beginnenden „kleineren Tiefebene von Ungarn“ verflachen, einen weiten Fernblick über Felder und Ortschaften bis tief in die Schütt hinein gewährend.

Die Ortschaft selbst, aus reinlichen, jedoch dicht aneinader gereihten Häusern mit engen Höfen, außer den in den Weingärten zerstreut liegenden Häusern aus 394 Hausnummern bestehend, hat sich nach der Volkszählung vom Jahre 1880 im Ganzen 2582 Einwohner, darunter: Röm.-Kath. 1913, Evang. A. C. 612, Juden 57. Im Jahre 1870 waren 2408 waren 2408 Einwohner, darunter: Röm.-Kath. 1815, Evang. A. C. 531, Juden 62, erscheinen 174 Einwohner, darunter Röm.-Kath. 98, Evang. A. C. 81, Juden –5, als Zuwachs eines Dezenniums.

Der Grundbesitz in der Ortschaft ist im Verhältnisse zur Impopulation sehr zersplittert. Unter 125 Urbarial-Insassen verteilen sich 11 12/32 Urbarial-Sessionen. Außer diesen gibt es noch 235 Inquilinarhäusler und 7 ehemalige Kurialhäsler. Diese sind:

 

  1. Der ehemalige stattliche Wohnsitz der früheren, zuletzt Fürst Palffy´schen Herrschaft, jetzt Michael Zailik´sches Privathaus, mit einer anstoßenden röm.-kath. Kapelle.

  2. Die Bar. Névery´sche Kurie.

  3. Die Dorst´sche Kurie, jetzt Mor. Sprinzl´sches Haus.

  4. Die Nagy´sche Kurie, jetzt Joh. Ruckriegl´sches Haus.

  5. Die Graf Zichy´sche Kurie, jetzt röm.-katholisches Schulgebäude.

  6. Die Kurie der „Barmherzigen Brüder“ zu Pressburg.

  7. Die Kurie des ehemaligen Pauliner Ordens zu Marienthal, jetzt evangelisches Pfarrhaus.

Wie sich die hiesigen Einwohner ihrer Religion nach scheiden, so scheiden sie sich auch hinsichtlich ihrer Nationalität. Denn die Katholiken sind fast durchgehends Slaven und bilden 2/3 der Bevölkerung, während die Evangelischen sämtlich Deutsche sind und nur 1/3 zu diesen ausmachen.

Die Bewohner von Récse – ein kräftiger Schlag und arbeitsgewohnt – befassen sich durchgehends mit Feld- und Landbau. Ihr eigentlicher Lebenserwerb jedoch ist der ergiebige, aber höchst mühsame Weinbau. Im Felsengrunde reift die edelste Traube! Und das ist auch hier der Fall. Aber welche Mühe und Arbeit zwingt der harte Felsenboden dem Weinbauer im ununterbrochenen Tageswerke auf! Desto süßer ist dann der Lohn: ein kräftiger, gewürzreicher Felsenwein, der laut Proben auch der Glut des Äquators trotzt, um in fernen Weltteilen – unbeschadet seiner Güte – kredenzt zu werden. Von ausgezeichneter Güte namentlich ist der dunkelgefärbte „Rothe Ratzersdorfer“, der schon zu Maria Theresia´s Zeiten seiner edlen Eigenschaften wegen so bekannt war, dass er an deren Hoflager zur Benützung kam, und heutzutage günstigerer Verhältnisse bedarf, um neben dem roten „Ofner“ und „Erlauer“ auch in weiteren Kreisen gekannt und gewürdigt zu werden. Die deutsche Nationalität, somit die gesamte evangelische Gemeinde von Ratzersdorf verrät ihren Ursprung schon durch ihren eigentümlichen Dialekt, der zwar in neuerer Zeit durch den täglichen Verkehr viel von dem Pressburgen Dialekt annahm, aber im Grunde genommen bis heute noch der süddeutsche schwäbische ist. (Dies zeigt die noch von älteren Personen öfters vorgenommene schwäbische Infinitivendung: kocha, bocha, mocha, bringa für: kochen, backen, machen, bringen. Dann das allgemein gebrauchte: kimma, kinna für kommen, können. Das hinweisende Fürwort: dös für das, dees für dieses. Die Vorwörter: drenten für: diesseits; nachi für: nach; zuchi für: zu. Die Adverbien: ninderscht für: nirgends; füri für: vorn. Die Endsilbe des Zahlwortes in i: siebeni, achti, neuni, elwi, dreizehni u.s.w. Die Hauptwörter: Tanna (Tanne), Bam (Baum), Kini (König), Voder (Vater), Muider (Mutter), Fluich (Fluch),  Huit (Hut), Tuich (Tuch), Sunna (Sonne), Brad (Brot), Schwaaren (Schwere, schwere Menge), Waatz (Weizen), Draat (Korn), Bain (Biene), Wespen (Wespe).)

Dazu gibt es heutzutage noch im Orte eine Familie (Wengh) von der es bekannt, dass eine gleichen Namens jetzt noch in Bayern vorkommt. Die deutschen, evangelischen Einwohner stammen demnach aus Süd-Deutschland, und zwar aus Bayern gewiß und möglicherweise auch aus Würthemberg her, woher sie als Kolonisten in ihr jetziges Vaterland gekommen.

Hervorzuheben in Betracht des Charaktertyps ist der Umstand: dass mitten unter allen fremden Einflüssen der evangelische Deutsche in Ratzersdorf das Grundwesen des deutschen Charakters, mit dessen Tugenden und Schwächen, Jahrhunderte lang mit Zähigkeit und Treue sich bewahrt hat. Auch hier, wie allüberall in der Welt, wo er sich als Kolonist sein Heim gegründet, ragt er mit seiner Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Nüchternheit und sittlicher Strenge vorteilhaft aus seiner Umgebung hervor. Aber auch die Schwächen des Charakters: Eigennutz, starrer Sinn mit der daraus entspringenden Streit- und Prozesssucht, machen sich zum großen Nachteil sowohl des Familien- als auch des öffentlichen Lebens leider geltend.

Den Kulturgrad des deutschen Ortsbewohners betreffend, zeichnet sich solcher auch in dieser Beziehung gegen seine Umbebung vorteilhaft aus. Unter der Mehrzahl der Slaven aufwachsend, eignet er sich schon in der Jugend deren Sprache wie seine eigene Muttersprache an. Damit nicht zufrieden, besuchen so Manche in ihrer Jugend die ungarische Schütt, um hier im Tausch oder Dienst die ungarische Sprache zu erlernen. Im Grundwesen deutsch verbleibend, spricht somit ein Jeder noch die slavische und Viele auch die ungarische Sprache. Daraus ist leicht zu erklären, dass die hiesigen ein verwendbares und gewünschtes Material für die unteren Chargen des Militärdienstes bei der polyglotten Beschaffenheit unseres Militärs abgeben. Der Weg bis zum Führer ist ihnen leicht offen, was ihnen nur zur Ehre gereicht.

Wie seinen deutschen Charakter, so hat sich der Hiesige auch seine Sitten mit deutscher Zähigkeit bewahrt. Wenn es der Raum zuließe, wäre es der Mühe wert, die eigentümlichen, urwüchsigen gebräuche der Ratzersdorfer Bevölkerung im Familienleben, vor Allem die bei Gelegenheit von Hochzeitsfesten, zu schildern, welche originell in ihrer Art und volkstümlich, in vollständigen Reden auf streng biblischem Grunde, Einsegnung der Verlobten, Hochzeitsgedichten, Trinksprüchen und religiösen Gesängen den strengen sittlichen Gehalt der protestantischen Ehe zum Ausdruck bringen und kennbar auf die traurige Vorzeit hinweisen, wo nur der katholische Priester ihre Ehen – selbstverständlich nach seinem Ritus, lateinisch – einsegnen durfte und sie sich deshalb, ohne eigenen Geistlichen, auf diese Weise selbsteigen zu entschädigen und zu helfen trachteten. (Zum Beweise dessen diene das im Anhang unter Nr. 1 beigedruckte „Ehestandslied“, welches nach dem Schlussgebete des Hochzeitsmales stehend von allen Hochzeitsgästen nach eigener schwermütig feierlichen Melodie gesungen wird und die eigentliche Hochzeitsfeier so mit tiefem, würdigem Ernst abschließt).

Eine eigentümliche Erscheinung bieten die hiesigen Deutschen, wie allgemein in Ungarn, wo sie kompaktere Massen bilden (mit Ausnahme der Siebenbürger Sachsen),  auch in politischer Beziehung insofern, dass sie mit deutscher Sprache und deutschem Wesen der ungarischen Geistesrichtung und den ungarischen Staats-Institutionen nicht nur nicht abhold sind, sondern im besonderen Patriotismus gegen ihr Vaterland den eigentlichen Ungarn (Magyaren) selbst nicht nachstehen. Vom vielverschriehenen Panmagyarentum und zwangsweisem  Magyanisieren der Neuzeit gar keine Rede ! Was der Staat in neuerer Zeit bei den Nichtungarn durch Schule erzwecken will: Kenntnis der gestzlichen Landessprache, - das haben die Deutschen hier im eigenen, wohlverstandenen Interesse längst schon zuvor gewünscht und geübt, sowohl in der Schule, als auch im Privatleben – und hierbei fühlen sie sich nicht im Geringsten unglücklich ! Es handelt sich eben nur darum, dass man „das Eine“ nicht lasse und „das Andere“ nicht versäume, um wahrhaft Nutzen zu stiften.

 

 

Geschichte

der

Evangelischen Kirchengemeinde

in

Récse.

 

 

Die Geschichte der evang. Kirchengemeinde A,B. in Récse kann den zu Tage getretenen Ereignissen nach in zwei gesonderte Abschnitte geteilt werden, nämlich:

 

  1. In die Geschichte der Urgemeinde: von ihrer Gründung nach der Reformation bis zu ihrer gewaltsamen Unterdrückung; vom Jahre 1580-1638, und

  2. In die Geschicht der jetzt bestehenden Gemeinde: von ihrer Wiedererneuerung bis zur Gegenwart; vom Jahre 1781-1885.

 

1. Abschnitt

Geschichte der Urgemeinde

 

Von ihrer Gründung nach der Reformation bis zu ihrer gewaltsamen Unterdrückung;

vom Jahre 1580-1638.

 

1. Kapitel

Geschichtliche Vorerinnerungen.

 

Anfänge der Reformation bis zur blühenden Entwicklung der evang. Kirchengemeinde in Ungarn;

 vom Jahre 1520-1576.

 

Schon durch die hussitischen Niederlassungen, welche ganz Nordungarn, von den mährischen Marken und der Donau bei Pressburg angefangen bis ziemlich zur Theiß innegehabt und zahlreiche Gemeinden gegründet, war der Boden unseres Landes zur Annahme der Reformation durch Luther (1517) überaus günstig vorbereitet. Dann: der rege Verkehr des Landes mit Deutschland zu Folge der gemeinschaftlichen Herrscher, die bewegten Kriegszeiten zu Folge des Vordringens der Türken, die Einmärsche deutscher Truppen und die lebhaften Handelsbeziehungen, vor Allem der rege Buchhandel mit Deutschland, sowie endlich das neue frische Geisteswesen, das das verknöcherte Europa mit neuem Lebensodem durchdrang, hat auch die Reformation bald nach ihrem Entstehen in Ungarn bekannt gemacht. Schon im Jahre 1520 (1520 predigte das Evangelium: Thomas Preißner in Leibitz (Zipfer Komitat).) hat Luther in Ungarn bereits zahlreiche Verehrer und unerschrockene Bekenner gehabt, weswegen sich schon 1521 Georg Szakmary, Erzbischof von Gran, veranlasst fand, Luther und dessen Schriften von den Kanzeln herab zu verdammen (Archiepis. Strigon. Comp. Dat. Tyrnaviaé 1752).

Vor Allem aber haben die zwei Professoren der Universität zu Ofen : Simon Grynäus (ein Jugendfreund Melanchtons) und Vitus Vinzheim das Meiste zur Ausbreitung der reformatorischen Lehren beigetragen und da viele katholische Priester selbst der Reformation huldigten, so ist es ein Wunder, daß in kurzer Zeit ganze Städte, Ortschaften, ja bedeutende Teile des Landes frei und öffentlich die lutherische Lehre annahmen.

Vergebens wetterte der päpstliche Gesandte Kajetan gegen die „neue Ketzerei“, vergebens wollte der schwache König Ludwig II. (1516-1526), durch den Papst dazu gedrängt, die „Lutheraner“ als Ketzer durch strenge Verordnungen und Reichsgesetz vernichten (Das Reichsgesetz von 1525 lautet: Alle Lutheraner sollen im Lande ausgerottet werden, und wo immer sie zu finden sind, nicht nur durch kirchliche, sondern auch weltliche Obrigkeit eingefangen und verbrannt werden).

Dessen eigene Gattin Maria, aus dem Hause Habsburg, eine Schwester Karls V., war der lutherischen Lehre zugetan und mit Luther selbst im brieflichen Verkehr, auf dessen Rat sie auch Johann Henkel, ........

 

 

(die folgenden zwei Seiten fehlen leider)

 

.......alle hussitischen Gemeinden. Sonst war noch zu dieser Zeit ein friedliches Beisammensein der Katholiken und Protestanten, ja vielfach geschah es, dass beide Konfessionen wechselweise eine und dieselbe Kirche gebrauchten. Kleinere und größere Kirchenversammlungen, so die der Evangelischen zu Erdöd (1545), der Reformierten zu Tarezal (1562) und Torda (1563), brachten mit ihren Kirchenverfassungen Ordnung in die Gemeinden, welche nun immer zahlreicher wurden, so dass deren Zahl beider Bekenntnisse zu dieser Zeit auf 2000 angenommen werden kann (Linberger: Geschichte des Evangeliums in Ungarn. S. 26.).

Nicht nur das Volk nahm in größeren Massen das Evangelium an; auch der höhere ungarische Adel, mit Ausnahme dreier Familien, trat sämtlich zum Protestantismus über (Nach dem Bekentnisse des Jesuiten Martin Szentivanyi). Unter den reichen und mächtigen Magnaten zeichneten sich als Beschützer und Beförderer des evangelischen Glaubens folgende aus: Alexius Thurzó, Reichsrichter und Herr von Trenesin; der reiche Peter Perényi, der Stifter der evang. Schule zu Sárospatak; Thomas Rádasdy, Reichspalatin; Peter Petrovics, Kaspar Drágfi, unter dessen Schutze die evang. Synode zu Erdöd abgehalten wurde; der Vicepalatin Franz Révay in Thurocz und Anna Jaxit. Andere hervorragende evang. Familien waren zu dieser Zeit die Báthori, Frangepan, Batthyány, Bánffy, Gyarmathi, Dobó, Török, Zrinyi, Drugeth von Homonna, Ostffy, Illéshazy und Eßterházy (Linberger: Geschichte des Evangeliums. S. 20). Selbst Viele aus der höheren Geistlichkeit wurden evangelisch, so Franz Thurzó, Bischof von Neutra; Emerich Bebek, Probst zu Stuhlweißenburg; Martin Kecheti, Bischof von Veßprim, Johann Horváth, Probst in Zipfen; Michael Csáky, Domherr; Georg Frangepan und Andreas Dudith, Bischof von Fünfkirchen, derselbe, der als königlicher Legat Ferdinand´s beim Konzil zu Trident sich beteiligte, u. A.

Zu bemerken ist ferner, dass die Türken, wo sie Herren des Landes wurden, die Bewohner zwar drückten und brandschatzten, aber der Ausbreitung des Glaubens nicht nur keine Hindernisse in den weg legten, sondern den Evangelischen gegen Übergriffe oft sogar ihren Schutz angedeihen ließen.

Mächtig beförderte endlich die Evangelisation des Landes die milde Regierung des ausgezeichneten Kaisers und Königs Maximilian (1564-1576), der wohl förmlich aus dem Katholizismus nie ausgetreten, aber im Herzen evangelisch gesinnt, die katholische Kirche ernstlich reformieren wollte und sich mit evang. Regierungsmännern und Heerführern umgebend, durch diese den Evangelischen in seinen Landen überall Vorschub leistete. Dessen Feldherren, mit hoher Macht ausgerüstet, sind kräftige Bevörderer der evangelischen Lehre gewesen, so Lazarus Schwendi, der in der Theißgegend evang. Prediger einsetzte, ferner Johann Rueber, der Beschützer der evang. Zipferstädte, so Magócsi, Ungnad und Graf Salm, dann Graf Siegfried Kolonics, Ritter des goldenen Sporns und Herr der Ratzersdorfer Herrschaft.

Unter Maximilians Regierung hatte auf diese Weise die katholische Kirche in Ungarn und im großen Teile seiner anderen Länder fast allen Boden verloren. Und wenn die Evangelischen der zwei Konfessionen durch ihre Streitigkeiten nicht Veranlassung zur Einmischung geben und der Erzbischof Oláh noch zu Ferdinand´s Zeiten und nach ihm Georg Draskovics, Erzbischof von Kalocsa, nicht die Jesuiten als Helfershelfer in das Land berufen: so wäre binnen kurzer Zeit ganz Ungarn auf friedlichem Wege evangelisch geworden.

Bis zu Maximilian´s Tode war die Morgenröte, - die Zeit der friedlichen Entwicklung und Befestigung des Protestantismus. Mit dessen Sohne und Nachfolger Rudolf (1576-1608) fing an die trübe Zeit der Bedrückung und der gewaltsamen Gegenreformation.

An der Grenzscheide dieser Zeit fängt die Geschichte unserer evangelischen Gemeinde in Ratzersdorf an.

 

2. Kapitel

Gründung der Kirchengemeinde Ratzersdorf

 

Die evangelische Kirchengemeinde A,B. zu Ratzersdorf (Récse) ist ursprünglich, wie schon bemerkt, aus süddeutschen, schwäbischen (bayerischen) Kolonisten entstanden, deren Einwanderungszeit mit Sicherheit nicht festgestellt werden kann. Sie betrieben einen lebhaften Weinbau und ihr Wein musste in weiteren Kreisen Anwert gefunden haben. Wenigstens beweist dies das älteste, in dem Besitze der Ortsgemeinde befindliche Grundbuch: „Bergbuch des Marktes Ratzersdorf vom Jahre 1607-1664“, welches aus dieser Zeit in vieler Beziehung interessante Daten liefert. Denn ein bedeutend großer Teil der hiesigen Weingärten ist in den Händen fremder Besitzer, namentlich des ungarischen Adels von Sommerein und überhaupt der Schütt, dann des Adels, der Bürger und geistlicher Korporationen von Pressburg und Tirnau (Die „evang. Kirche“ zu Pressburg hatte vom Jahre 1614-1642 drei Weingärten durch Erbschaft und Ankauf gewonnen: einen „Liegisland“ und „Weißpeter“ unter „Hans Partinger und Thomas Kramer, Kirchherren und Walter der evangelischen Kirche zu Pressburg“ und einen „Pramer“. Auch die Jesuiten von Tirnau und von Pressburg – die letzteren unter dem Rektor Imirrha – kauften hier, unzweifelhaft nicht nur des guten Weines wegen, sondern  auch darum, um sich in der kompakteren Masse des protestantischen Volkes festzusetzen, in späterer Zeit (1633-1643) Weingärten um damals enorme Summen, so: einen „Zwiffter“  um 1500 ungar. Thaler, einen „Schwarzmann“ um 370 ung. Gulden, einen „Frauenfleck“ um 350 ungar. Gulden, einen „in Meyerbach“ um 270 ungar. Gulden. Auch „Ihre Exellenz Frau Frantiska Gräfin Pálffy, verwittwete Palatinusin, besaß hier außer der Grundherrschaft Weingärten).

Laut demselben Bergbuche werden in dem Zeitraum vom Jahre 1607-1664 von den jetzt noch hier lebenden Familien genannt: Hanskrecht (jetzt katholisch), Follrich, Lockner und Meyerhofer (jetzt Mahrhofer). Alle anderen daselbst vorkommenden Familiennamen, von überraschender Urwüchsigkeit, sind hier nun gänzlich unbekannt, so: Kitzinger, Zadtl, Wünschendorfer, Beelsebock, Rumpf, Wolff, Sauffer, Schöpfenwein, Stampfer, Schwarz, Häning, Lutschhardt, Pfister, Kräftinger, Klotz, Flitsch u.s.w. Ein Beweis, dass die damalige Ortsgemeinde aus ganz anderen, u. zw. überwiegend deutschen Elementen bestand (einige ungarische Namen kommen wohl vor, aber slavische gar nicht) und ferner, dass die deutschen später, wahrscheinlich zu Folge der Religionsverfolgungen, durch das jetzige, überwiegend slavische und katholische Element verdrängt wurden, so dass sie heutzutage zu einanderstehen wie 1/3 zu 2/3.

Die hierortige evang. Kirchengemeinde, einst kräftig und blühend, hat ihre denkwürdige Vorgeschichte, welche in Betreff ihres raschen Aufblühens, dann der danach folgenden Verfolgung und schließlichen Unterdrückung so ziemlich derjenigen aller älteren Gemeinden Ungarns gleicht. Die historischen Daten dieser an Glaubensbegeisterung, Kämpfen und Leiden so überaus reichen Vorzeit sind jedoch so spärlich vorhanden, dass wir heutzutage, auf Grund derselben, nur nach fleißiger Umschau aus dem früheren Leben dieser einst blühenden Gemeinde, wohl kein geschichtliches Ganzes, aber nur einzelne historische Momente fixieren und hervorzuheben vermögen.

So viel ist gewiß, dass das lautere Evangelium bald nach der Reformation, bedingt durch die Nähe der ursprünglichen deutschen Stadt Pressburg, wo dasselbe um das Jahr 1564 schon bekannt war und entschiedene Anhänger zählte, (Ribini: Memorabila Aug. Conf. Hungaria, I., Seite 194) auch an diesem stammverwandten Boden Wurzel gefaßt und eine Gemeinde gegründet hat. Es ist früher bemerkt worden, dass unter Kaiser Maximilian´s milder und protestantenfreundlicher Regierung nicht nur Grundherren und hohe Würdenträger, sondern auch dessen protestantische Feldherren Prediger eingesetzt und Gemeinden gebildet haben. Einer derselben war auch Graf Siegfried Kolonics, Feldherr des Kaisers Maximilian (1564-1576), königl. Rat und Ritter des goldenen Sporns.

In den letzten Dezennien des 16. Jahrhunderts erscheint eben dieser, der evangelischen Lehre zugetane Graf Siegfried Kolonics als Grundherr von Ratzersdorf, welcher sich auf Grund seines Territorialrechtes (Danach hatten die Grundherren das Recht, die auf ihrem Territorium auszuübende Religion frei zu bestimmen nach dem Grundsatze: „Wessen der Grund ist, dessen ist auch die Religion“.) zu seiner jetzt noch bestehenden Wohnung, eine durch eine Tür mit derselben in Verbindung stehende, stattliche Hauskapelle, vielmehr schon eine Kirche (die jetzige röm.-kath. Verkleinerte Kapelle (Jetzt ist sie an der Altarseite durch Anbringung einer Durchfahrt verschmälert. Ursprünglich war sie größer und ist auch so noch als Kapelle recht groß.)) anbauen und den Gottesdienst daselbst durch eigene evang. Hofprediger versehen ließ. Ob er schon früher Hofprediger hielt, wissen wir nicht. Nur das ist aus geschichtlichen Quellen ersichtlich, dass seit dem Jahr 1580 (Nach Klein: Leben evangelischer Priester, I., Seite 41 und 134, sowie Seite 346 seit dem Jahre 1581), somit noch zu Anfang der Regierung Rudolf´s (1576-1608) bis zur Zeit des Wiener Friedens (1606) Hofprediger des erwähnten Feldherren und Magnaten: Andreas Reiß (Reisius) gewesen ist ( Ribini: Memorabila Tom. I., Seite 349. Jedoch nach Martin Klanicza: Fata A. C. Eccl. In Monumenta von Fabi, III., Seite 215 vom Jahre 1580 nur bis 1583, was offenbar ein Druckfehler sein muß).

In diesem Zeitraum entbrannte, durch die Gewalttätigkeiten von Rudolf´s fanatischen Generalen Belgiojoso (Barbiano) und Basta veranlasst, der Religions- und politische Freiheitskrieg unter Bocskai, dem Fürsten von Siebenbürgen. In kurzer Zeit eroberte dieser ganz Nordungarn und drang im Jahre 1606 bis nach Pressburg vor. (Der kaiserl. General Georg Basta zog sich, durch Bocskai gedrängt, mit 10.000 Mann nach Pressburg zurück. Bocskai griff ihn hier an (1606) und unter den Ziegelöfen von Pressburg entspann sich die Schlacht, welche von 4 Uhr Nachmittags bis 1 Uhr in der Nacht währte. Hierbei brannte die Schöndorfergasse und die Biereimergasse gänzlich ab und 400 Bocskai´sche Hussaren, welche von Ratzersdorf aus zu Hilfe kamen, wurden in den Gassen niedergesäbelt. Bocskai erhielt hier eine Niederlage und wurde bis nach Tirnau verfolgt. Die häufigeren Funde an den Ratzersdorfer und Pressburger Feldern an Schwertern, Hufeisen etc. rühren größtenteils von dieser Schlacht her. (Die Details sind in einem alten Ölbilde im Pressburger städt. Museum entnommen))

Binnen kurzer Zeit war Ungarn für Rudolf fast verloren, als dessen Bruder Matthias, Rudolf zum Friedensschlusse zwang, welcher am 26. September 1606 durch die Vermittlung des Erzherzogs Matthias einerseits und des mächtigen evang. Magnaten Stefan Illésházi, nachherigen Palatins, andererseits in Wien geschlossen und in dem 1608 zu Pressburg gehaltenen Landtage unter die Landesgesetze aufgenommen wurde. Als solcher bildet er eines der wichtigsten Grundgesetze für die evang. Kirche.

Die Bestimmungen des Wiener Friedens bewogen nun auch die Evangelischen zu Pressburg, sich zu einer geregelten Gemeinde zu konstituieren. Um nun öffentlich und regelmäßig ihre Gottesdienste halten zu können, erbaten sie sich vom Grafen Kolonics dessen Hofprediger Andreas Reiß (Reisius) zu ihrem Prediger, der auch bald darauf nach Pressburg abging, und den Gottesdienst zunächst in dem „Kampert´schen Hause“ am Schlossgrund und später in dem „Weiten Hof“ im jetzigen Levi´schen Hause, gegenüber der Franziskanerkirche abzuhalten pflegte).(Bauhofers anonyme Geschichte der evang. Kirche in Ungarn. 1854. Seite 154. – Von diesem ist gut zu unterscheiden der spätere Pressburger Archidiakon und Konsenion Anton Reiser (Reiserns), welcher im Jahre 1672 samt den übrigen Pressburger Predigern David Titius, Valentin Sutorius und Christian Piringer, noch vor der Szetepesenyi´schen Zitation der evang. Prediger nach Pressburg (1673) verbannt wurde, zuerst in Augsburg als gelehrter Professor wirkte, dann Prediger des Grafen Hohenlohe-Oehringen war und endlich in Hamburg als erster Prediger an der Jakobskirche 1686 starb. (Burii: Micae histor. Evang. Posonii, 1864 pag. 108.))

An dieser Stelle ist zugleich auch der denkwürdige Umstand zu erwähnen, dass vom Jahre 1590 an bis 1606, somit 16 Jahre lang, die Evangelischen der benachbarten Stadt Pressburg, da sie damals noch keine Kirche hatten, den Gottesdienst an Sonn- und Festtagen in Ratzersdorf, und zwar wahrscheinlich in der herrschaftlichen Schlosskirche besucht haben.

Damals war Ratzersdorf Muttergemeinde und Pressburg Filiale, später umgekehrt.

 

 

3. Kapitel

Die Kirche der älteren Gemeinde zu Ratzersdorf

 

 Aus dem früher Gesagten erhellt es bis zur Gewissheit, dass seit dem Jahre 1580 bis 1606 in dem Orte eine evangelische Gemeinde, jedoch unter dem Schutze und Protektorate des Grundherrn Siegfried Kolonics bestehen musste. Denn zu seinem Gebrauche allein hätte der Grundherr nicht eine so geräumige Kapelle (besser Kirche) benötigt, als die zu seiner Wohnung angebaute. Ferner übte er ja das Territorialrecht über seine Untertanen aus. Dann sahen wir, dass auch die Evangelischen von Pressburg zu dieser Zeit die Ratzersdorfer Gottesdienste besucht haben, somit gewiß auch die Ratzersdorfer selbst als Untertanen von Kolonics.

Was mag nun nach Abgang des Andreas Reiß aus Ratzersdorf geschehen sein ? Kolonics war zur Zeit des Wiener Friedens gewiß über das kräftige Mannesalter hinaus (ungefähr 70 Jahre alt) und wird auch bald danach gestorben sein. So wird er nach 1606 keinen Hofkaplan mehr angestellt, sondern als Grundherr des Ortes und eben zufolge des Wiener Friedens einen ordentlichen Gemeindepfarrer angestellt haben. Es kann aber noch ein zweites bestimmteres Faktum angenommen werden. Nachdem nämlich der von Matthias 1608 nach Pressburg berufene Landtag die Rechte des Wiener Friedens bezüglich der Evangelischen unter die Landesgesetze aufgenommen, und zwar mit dem erweiterten Zusatze: „dass die freie Ausübung der Religion jeglicher Konfession, nicht nur dem Adel und den Bürgern der freien Städte, aber auch den Marktflecken und Ortschaften unbehindert zustehe“, werden auch die Ratzersdorfer nicht gesäumt haben, von diesem ihnen gewährten Rechte freien Gebrauch zu machen und werden sich unmittelbar nach dem Jahre 1608 zur eigentlichen, selbständigen Gemeinde konstituiert und nun selbst einen Prediger sich berufen haben.

Die Kirche des Ortes, früher mit einem Friedhofe umgeben, ist schon ihrer Lage nach deshalb eigentümlich, weil sie mit dem Sanktuarium nach Ost gekehrt, pünktlich nach der Windrose (Ost-West) gebaut ist und so mit ihrer Richtung die Situationslinie der Ortschaft in einem spitzen Winkel durchschneidet. Das Äußere des Gebäudes ist massiv, schmucklos, an dem hoch hinausstrebenden Dache mit einem Wetterhahn – dem protestantischen Abzeichen – versehen. Über dem Sanktuarium ragt der massive, vierkantige Turmkoloß mit einem hohen, in zwei Kanten endigenden und mit zwei Kreuzen gekrönten Dache empor. Die Fenster in der Höhe des oberen Stocks bilden einen verlängerten Halbkreis. Seitenkapellen, außer der vor dem Turm angebauten Altar-Rondelle, gibt es keine.

Das Werk selbst weist auf die Meister hin. Es ist Ganz die deutsche Bauart der späteren, nachreformatorischen Periode, die nicht mehr Muße fand, zierlichere, gothische Bauten aufzuführen, aber inmitten bewegter Kriegszeiten, da es Not tat, schnell und massiv, fest aber schmucklos baute. In den deutsch-sächsischen Ländern sind häufig ganz der Ratzersdorfer Kirche ähnliche Kirchen zu sehen. Das Innere der Kirche ist in späterer Zeit im romanischen Stil renoviert worden. Die Kirchenglocken erlitten in neuerer Zeit auch einen Umguß, somit geben auch diese von der Vergangenheit keine Kunde mehr. Doch die Volkstradition behauptet es mit Bestimmtheit: dass die Evangelischen die Erbauer der Kirche waren. Es ist nur die Frage: wann?

Die Pressburger Evangelischen haben sich 1606, unmittelbar nach dem Wiener Frieden und gerade auf Grund desselben zu einer Gemeinde konsolidiert und zu ihrer Kirche das Kampert´sche Haus adaptiert. Wenn nicht zu gleicher Zeit mit den Pressburgern, so werden die Ratzersdorfer, von den im 1608-er Landtage ihnen gewährten Rechten Gebrauch machend, die Kirche im Jahre 1608 oder ein Jahr darauf zu bauen angefangen haben. Daß dies die Bauzeit sein müsse, werden wir bestärkt durch den später ausführlicher zu berichtenden Umstand, dass die Ratzersdorfer evang. Gemeinde im Jahre 1610 Urban Hoppe zu ihrem Prediger berufen habe, welches Datum, da der Bau der großen, massiven Kirche gut über ein Jahr in Anspruch nehmen durfte, mit ziemlicher Gewissheit als das Datum des vollendeten Kirchenbaus anzunehmen ist.

Aber eine schwierige Frage wäre noch zu lösen, und zwar die: War denn hier vor der Reformation und zur Zeit derselben keine katholische Gemeinde und keine katholische Kirche? Natürlich: Beides ! Doch wo ist die Letztere ? Daß eine katholische Gemeinde existiert habe, gibt uns das mehrerwähnte „Bergbuchsprotokoll von Ratzersdorf“ sogar ein bestimmtes Faktum an die Hand, nach welchem sich dann aus den gegebenen Umständen Mutmaßungen anstellen lassen. In diesem Buche wird nämlich berichtet, dass im Jahre 1629 „der Ehrwürdige und wohlgelahrte Herr Thomas Bukavius, Canoniens zu Pressburg und der katholischen Gemein zu Ratzersdorf Prediger“ auf 6 Jahre hier einen Weingarten zur Nutznießung bekommen habe. Wohlgemerkt: derselbe war Canonikus (Domherr) zu Pressburg, somit 1629 ein ältlicher Herr, der früher hier sein Amt als Pfarrer verwaltete und zu der Zeit seinen früheren Titel noch beibehielt. Eben in Folge dessen, dass er von hier keine Pfarreinkünfte mehr bezog, denn schon 1613, wie wir es zeigen werden, bezog sie der evangelische Pfarrer, - mochte er den Weingarten, als Recompensation seiner früher innegehabten Stellung, auf 6 Jahre bekommen haben. Nun stimmt es mit den Verhältnissen ganz überein, dass  Bukavius zu der Zeit, als Kolonics die Reformation in Ratzersdorf einführte, als ein „Hirte ohne Herde“ sein Amt in Ratzerdorf verließ und in Pressburg unter die Domherren aufgenommen wurde, in dieser Stellung seinen „rechtlichen“ Titel als Pfarrer von Ratzersdorf auch später noch beibehaltend. Mit dem Weggange des Bukavius wird doch sicherlich unter Kolonics der katholische Gottesdienst gänzlich aufgehört haben!

Viel schwieriger steht es um die frühere katholische Kirche. Es kann nur angenommen werden, da kein sicherer Grund zu einer anderen Erklärung vorhanden: dass die Evangelischen die vielleicht baufällige, oder die im Laufe der Zeit der Impopulation nicht mehr entsprechende, katholische Kirche, unterstützt durch die Munifizenz des Grundherrn, entweder gänzlich oder wenigstens teilweise abgebrochen und an derselben Stelle eine neue, zweckentsprechendere ausgeführt haben. Das sind freilich nur Vermutungen,  die mit apodiktischer Gewissheit nicht behauptet, jedoch aus den Zeitverhältnissen erklärt werden können.

Übrigens geben wir, um der Wahrheit allseits Genüge zu leisten, auch der sonst im Grunde genommen natürlichsten Erklärung Raum: dass die Evangelischen nach ihrem Übertritt aus der katholischen Kirche, kraft der Machtvollkommenheit ihres Grundherren und Patrones, einfach auch die frühere Kirche wie sie war und stand, in ihr Eigentum übernommen haben. Einen nicht unwichtigen Anhaltspunkt dazu gibt uns das im folgenden Kapitel angeführte Visitationsprotokoll des Superintendenten Isaak Abrahamides aus dem Jahre 1613, wo unter den Kirchengegenständen dieser Kirche unter Anderem wörtlich angeführt werden: „2 Läuchtücher“ (Leichentücher) und „3 Altär, wohlbekleidet“.

Die Gegenstände sind hier nicht genau genug verzeichnet. Hat man letzteren Ausdruck so zu nehmen: „Alle zur Bekleidung dreier Altäre notwendigen Requisiten“, so mussten deswegen nicht auch die früher existierten 3 Altäre vorhanden sein. Es wurde ja schlechthin Alles angegeben, was noch von früher her vorhanden war und es gäbe das keinen Anhaltspunkt für obige Annahme. Hat man aber unter „3 Altär“ wirkliche, „wohlbekleidete“, d.h. mit allem Nötigen ausgerüstete, der Zahl nach 3 Altäre zu verstehen: so hätten wir hier die früheren, noch beibehaltenen Altäre der früher katholischen Kirche: Hauptaltar und die zwei Seitenaltäre, wie sie jetzt noch bestehen.

Daß die Evangelischen A. C. in dieser Beziehung, vornehmlich in unserem Vaterlande nicht so rigoros waren, lässt sich schon aus dem Geiste Luther´s gegen die „Bilderstürmer“ wie durch Tatsachen aus der vaterländischen Geschichte selbst nachweisen. Danach wäre dann auch ihre Kirche einfach die frühere katholische gewesen. Aber zu dieser Annahme können wir uns doch nicht entscheiden. Denn zu mächtig fällt hier ins Gewicht die Tradition im Volke und die Bauart der Kirche, umsomehr da es hier heißt: dass die früheren katholischen Bewohner von Ratzersdorf „Reitzen“ (Ratzen) gewesen sein sollen, welche doch unmöglich diese Kirche im rein deutschen Stil gebaut haben konnten (Die letztere Annahme entbehrt allen Grundes und basiert sich nur auf die Benennung des Ortes Ratzersdorf = Reitzendorf, Raatzendorf. Der Ortsname kann aber nicht daher stammen und wird demselben durch diese Erklärung Gewalt angetan. Kommt auch nie unter letzterer Benennung vor).

   

4. Kapitel

Kirchenvisitation der älteren Gemeinde im Jahre 1613 und deren Prediger

 

Nach dem Wiener Frieden und dem darauffußenden Landesgesetze vom Jahre 1608, wonach beiden evangelischen Konfessionen auch das Recht gewährleistet ward: sich behufs kirchlicher Verwaltung ihre eigenen Superintendenten erwählen zu können, haben die evangelischen Glaubensgenossen mit noch mehr Eifer die innere Organisation und Befestigung ihrer Gemeinden betrieben. Dazu waren ihnen zum größten Teil die zwei evangelischen Reichspalatine: der 1608 gewählte mächtige Graf Stefan Illésházy und der nach ihm folgende reiche Graf Georg Thurzó behilflich.

Palatin Thurzó hat, um die Bestimmungen des Wiener Friedens in Betreff der Superintendenten und festerer Kirchenorganisation ins Leben treten zu lassen, für den 28. März 1610 die denkwürdige Synode (Kirchenversammlung) zu Sillein (Zsolna) zusammenberufen, bei welcher die Kirchenvertreter von 10 Komitaten tagten. Hier wurden die 10 Komitate in 3 Superintendenzen, mit je einem Superintendenten an der Spitze, geteilt.

Für Liptau, Árva und Trencsin wurde der Turóczer Senior Elias Lányi, für Turócz, Neográd, Hont und Sohl Samuel Melik, endlich für Bars, Nentra und Pressburg Isaak Abrahamides, Probst und Prediger zu Bajmócz, zum Superintendenten gewählt. Außerdem wurden zu deren Stellvertretern, unter dem Namen von Inspektoren: Simon Henchel, Pressburger, Paul Lenz, Schemnitzer, und Stef. Kürthy, Szereder Pfarrer, bestimmt.

Isaak Abrahamides fing nun, seiner Amtsinstruktion gemäß, im Jahre 1611 die Gemeinden des Pressburger und Nentraer Seniorates an zu visitieren. Dessen Visitationsprotokoll vom Jahre 1611-1620, mit der Fortsetzung von Visitationen späterer Superintendenten, ist seit Klanicza´s Zeiten, der solches noch kannte, spurlos verschwunden. Dieses für und so hochwichtige Dokumentenbuch wurde aber – Gott sei es gedankt ! – bei der kanonischen Visitation des Herrn Superintendenten Ludwig Geduly im Jahre 1876 im Nentraer Komitat, in Bukócz aufgefunden und als ein kostbarer Schatz in´s Distriktualarchiv gebracht.

Der Superintendent Isaak Abrahamides hat nun im Jahre 1613 die Ratzersdorfer evang. Kirchengemeinde der kanonischen Visitation unterzogen. (Martin Klanicza: Fata Eccl. In Fabó´s “Monumenta” III, S. 215)

Das in dessen Visitationsprotokoll enthaltene diesbezügliche Protokoll lautet wörtlich folgendermaßen:

 

„Ecclesia Ratisdorffensis.“

Es sind zwahr drey silberne Kelch vergoldt: aber der eine ist alt und zerbrochen.

2 Patenen: silbern, die dritte v. Kupffer.

4 Kelchfazanetl.

1 Khorrokh: kein Messgewandt oder ornat.

2 Läuchtuecher, 3 Altär, wohlbekleidet.

Proventus Templi

             Drey Weingärten von altersher zur Kirche gehörig.

             1., der erste heißet, der Pinzkher,

             2., der andere, der Hartmann,

             3., der Steingefangener.

Von diesen Weingärten wird die Khürchen, die Schuel und Pfarrhoff im Bau erhalten.

             Ittem:

Es sind auch sechs Weingärten (proprie ad communitatem spectantes vineae), von welchen gleichermaßen der Pfarrhoffe, Schuel und das Kirchengebäu erhalten wird. Davon wird auch die Besoldung gerechnet dem Herrn pastori und rectori scholae, demnach die obbemeldten drey Weingärten nicht genugsam (d.h.sind)

Proventus Pastoris

             Vom Paarengeldt hat er von d. Gemeine fl. 100, Zehn Eimer Wein,

An der Hoffstad ist ein Weingarten, denselben bauet die Gemeine, davon gebuerret der Wein dem Pastori allein.

Hatt zwölff Klafter Holz,

2 Wiesen zum Graß.

Anstatt offertoriorum trium schikhet er herumb vom hause zu hause an den dreyen hohen Festen:nativitatis Domini, paschatos et pentecostes.

Proventus rectoris

             Hatt Paargeldt 36 fl.

             7.Sieben Eimer Wein.

             Vindemiam.

             Im quartal gebet ihm ein jeder Knabe per D. (Denarios) 25.

             A speciali funere hatt er D. 15, a generali: pro libertate.

 

So weit das Protokoll. Welch reiche Fundgrube für die Verhältnisse der damaligen Gemeinde! Daraus erhellt zunächst, dass die Gemeinde blühend und reich dotiert gewesen. Denn in ihrem Besitze waren 11, jetzt noch wohlbekannte und im Besitze der katholischen Kirche befindliche Weingärten, u.zw.

      1.der „Pinzkher“ jetzt „plinckýr“, über den jetzigen Kirchenweingärten. (Ist schon verkauft.)

      2.der „Hartmann“, welcher in neuerer Zeit auch verkauft wurde.

      3.der „Steingefanger“, jetzt „Stafangel“ genannt, neben der Wiese „komisárka“, im Besitze des katholischen Pfarrers.

      Dann noch 6 ungenannte Weingärten zur Bestreitung der Kirchen- und Schulbedürfnisse und der Besoldung des Pfarrers und Lehrers und endlich:

      Die zwei Hofweingärten an der Kirche, zur Nutznießung für den Pfarrer und Lehrer; auch jetzt: der eine zur Nutznießung für den katholischen Pfarrer bestimmt und der andere der Kirche gehörig.

Auch die im Protokolle angeführten, nach den damaligen Verhältnissen hohen Barbesoldungen des Pfarrers und Lehrers (uneingedenk der nicht angegebenen Stolargebühren), weisen auf überaus geordnete Verhältnisse einer blühenden Gemeinde. Nur ist es zu bedauern, dass darin weder die Seelenzahl der Gemeinde, noch der Name des amtierenden Pfarrers aufgezeichnet vorkommt. Der Letztere wird jedenfalls der schon erwähnte Hoppe gewesen sein.

Noch Eines ist hier zu bemerken: das im Protokolle erwähnte Einsammeln von Opfergaben von Haus zu Haus. Auf diesem Usus basiert sich die später von den katholischen Pfarrern bei den hiesigen Protestanten-Familien usurpierte und bis zur Josefinischen Zeit bestandene, sogenannte „Kolleda“, bei der es einmal vorkam, dass ein Pfarrer bei dem Festmahle des Hauses (denn auch damit wurde immer aufgewartet), ein Lutherbild an der Wand erblickend, dasselbe wütend mit dem in der Hand befindlichen Messer durchstach, dann aber auch schleunigst sich aus dem Hause entfernen musste. Das durchstochene Bild befand sich bis zu dieser Zeit in dem Besitze der Familie Ruckriegl als Andenken an die geschilderte Heldentat, musste aber schließlich auch das Los alles Zeitlichen über sich ergehen lassen und – ist nicht mehr.

Geben wir nunmehr in chronologischer Reihenfolge die wenigen Prediger der älteren Gemeinde mit den dürftigen Daten über sie, welche aus der Vergangenheit an uns übergekommen sind.

Wie wir schon gesehen haben, war hier seit dem Jahre 1580-1606 Hofprediger des Grafen Siegfried Kolonics:

Andreas Reiß (Reisius), welcher mit der Herrschaft zugleich, deren evangelische Untertanen, sammt den Evangelischen von Pressburg, bis zum Wiener Frieden erbaute.

Seit dem Jahre 1610 bis zur unbestimmbaren Zeit war, wie wir annehmen müssen, erster Prediger der nunmehr selbständigen evang. Gemeinde: Urban Hoppe (Urbanius Hoppius), dem der berüchtigte Dichter und Professor Taubmann aus Wittemberg, zu dessen Amtsantritte im Jahre 1610, ein in seinen Werken erschienenes lateinisches Gedicht als Freund gewidmet hat. (dasselbe findet sich aufgezeichnet in Klein: Leben evang. Prediger, II. Seite 233, und Martin Klanicza: Fata A.C. Eccl. In Monumenta von Fabó, III., Seite 215.) Weiteres ist über denselben nichts bekannt.

Zwanzig Jahre danach, u.zw. aus dem Jahre 1636 kann nur noch einer derselben, u.zw. Rudolf Müller genannt werden, welcher laut Bergbuchsprotokoll des Marktes Ratzersdorf v. J. 1607-1664 als „Evangelischer Prediger allhier“ bezeichnet wird. In demselben Protokoll wird dessen Kauf zweier hierortigen Weingärten, des „Pangratz“ nemlich und des „Unterteil-Pangratz“ am 13. März 1636 grundbücherlich eingetragen. (Das Protokoll lautet wörtlich wie folgt: „Anno 1636 ten 13. Marty hat der Edle, Ehrmueste Herr Hanß Vogner seinen aygentumblichen Weingarten, Pangratz genannt, im Ratzerstoffsischen Weingebirge, neben Christoff Waßle Weingarten liegent, frey und ledig, zu allen zu- unt anspruch, in beysein Herren Hansen Zienenß dieser Zeit Richterß, Paul Wernern, und Johann Gottschalken, allena treyen Mitpurgern alhie, auch eigentumblich übergeben, Rudolpho Müllern, Evangelischen Predigern alhier. Welchen Weingarten woll ermelter Herr, ihme Müllern, zuvor nemblichen, ten 14. February amb tieses iahrr Umb Huntert Umb fünff thaler, sambt einer sielber Cronen zum Leithkauff, verkaufft hat. – Deßgleichen ist ihme Rudolpho Müllern ten 9. Feb. Auch tieses iahr Ubergeben worten, tas Untertheill Pangratz genant in bey sein Alex Schöpffenweinß,  Und Paull Forsters, beiten Bergmeistern, Und Michell Wernerß baderß, aller treyen Mitpurgern alhier, so er Rudolph Müller Umb 69 fl. Ung. Unt einen taler Lentkauff erkaufft. Welche Weingaerten beyte, auff begehren H. Rudolphi Müllerß, Unserm terzu Verortentem Bergprotocol, einprotocollieret worten sint. Anno et die ut supra. Notario Joanne Saxone, Sedin. Pom.”)

Seit wann er hier sein Amt verwaltete, ist nicht bekannt. Unwillkürlich wirft sich uns hier die Frage auf: ob in die Zwischenzeit des Hoppe und Müller Jemand noch einzuschalten sei? Notwendig ist es nicht. Denn der Zeitraum zwischen Beiden ist nicht so groß, dass noch ein Dritter die Lücke ausfüllen müsste. Nach Hoppe kann also gut Müller gefolgt sein. So viel über die Prediger. Über Müller haben wir noch im folgenden Kapitel Einiges zu berichten.

   

5. Kapitel

Verfolgung der Evangelischen im Lande und Unterdrückung der hiesigen Gemeinde

       

      Der Wiener Friede hat nur kurze Zeit ungehindert gesegnete Früchte getragen. Bald darnach wuchs den Protestanten einer der größten Feinde auf. Es war der 1615 zum Primas erhobene Peter Pázmán, ein evangel. Eltern abstammender Jesuitenzögling, welcher durch seine hohe Stellung, sprühenden Geist und seine glänzende Beredsamkeit den höheren Adel größtenteils wieder zum katholischen Glauben bekehrte und vermöge seines mächtigen Einflusses den Evangelischen ungemein schadete, umsomehr, da dieselben nunmehr auch ihre hohen Beschützer, den Palatin Thurzó (+1617) durch den Tod verloren. Dazu kam, daß im Jahre 1618-1637, der fanitischen Geistes beseelte Ferdinand II. an´s Ruder kam, welcher zu Loretto das fanatische Gelübde tat: "Alle Ketzer ausrotten zu wollen" und auch bald mit Hilfe der Jesuiten den Vernichtungskrieg gegen die Evangelischen anfing. Die Folge davon war der Religionskrieg unter dem siebenbürgischen Fürsten Gabriel Bethlen, welcher in kurzer Zeit das Land einnahm, bis Preßburg vordrang und dasselbe auch samt der hier gehüteten ungarischen Krone am 20. Oktober 1619 eroberte. Der danach 1621 geschlossene Nikelsburger Friede half den Protestanten nichts. Sie wurden auch danach ihrer Kirchen und Schulen beraubt und mit Waffengewalt zum katholischen Glauben gezwungen. Da starb Ferdinand II. und sein Sohn Ferdinand III. (1637-1657) wurde König. Aber dieselben Bedrückungen dauerten auch ferner fort und so erfolgte wieder ein Religionskrieg unter der Anführung  des siebenbürgischen Georg Rákóczy, welcher den größten Teil Ungarns eroberte und Ferdinand zwang, 1645 den für die Protestanten so wichtigen Linzer Frieden zu schließen. Dieser Friedensschluß wurde 1647 zu Preßburg, mit Zusicherung der Rechte der Protestanten, unter die Landesgesetze aufgenommen. Infolge dessen sollten denselben 400 geraubte Kirchen zurückgegeben werden, aber die Machination des Klerus brachte es so weit, daß ihnen nur 90 davon zugesprochen wurden - und auch von diesen bekamen sie nur wenige zurück.

      Gleichzeitig mit dem Westfälischen Frieden hörte um diese Zeit auch der unglückselige dreißigjährige Krieg mit Deutschland auf (von 1618-1648) und die durch Kriegsunbill ermatteten Landesbewohner und auch die Protestanten in Ungarn erfreuten sich für kurze Zeit der ersehnten Ruhe.

      Nach der Thronbesteigung Ferdinand III. erhielt die Herrschaft zu Ratzersdorf: Graf Franz Keglevics de Bussin, welcher als eifriger Katholik die Ratzersdorfer Kirche im Jahre 1638 den Evangelischen gewaltsam wegnahm, den Prediger vertrieb, die Ortsbewohner zum katholischen Glauben zwang und die Beharrlichen von Haus und Hof jagte - danach die Kolonisation der Ortschaft mit fremden, slavischen, katholischen Untertanen erfolgen mochte. (In dem Bergbuchprotokolle von Ratzersdorf von 1607-1664 wird noch im Jahre1651 Franz Keglevicz als Grundherr von Ratzersdorf aufgeführt. Nach ihm, aus dem Jahre 1662 Graf: Gabriel Pallotsay, als Grundherr von Ratzersdorf, zugleich der Thebner Herrschaft).

      Die hiesige Volkstradition hat noch das Andenken des letzten unglücklichen Predigers dieser Gemeinde aufbewahrt. Seines Hab´und Gutes beraubt, wurde derselbe durch den Kleinrichter der Ortsgemeinde bis an die Grenzmarken von Ratzersdorf schimpflich transportiert und mit einem Fußstoß in die Verbannung hinausgestoßen. (In der neuesten Zeit wurde in den Ratzersdorfer Schottergruben am Ende des Ratzersdorfer Hotters bei Gelegenheit des letzten Ausbaues der Waagthalbahn von den Arbeitern ein goldener oder vergoldeter Kirchenkelch aufgefunden. Ob denselben nicht heimlich der Exulierte zu dieser Zeit hier verbarg, ehe er weiterging? Sehr wahrscheinlich! Was aus dem Kelche geworden ist, konnte ich nicht ermitteln. Doch hiesige Augenzeugen berichteten mir das Faktum.)

      Der arme Geächtete soll ihm nur die Worte entgegnet haben: "Gott lohne es Dir!"

      Wer war dieser Bedauernswerte? Das vielgenannte Bergbuchsprotokoll hat uns dessen Namen aufbewahrt. Es war der unter den Pfarrern zuletzt erwähnte Rudolf Müller, der noch 1636, wie wir sahen, hier Grundbesitz erwarb. Zwei Jahre danach (1638) erfolgte die Katastrophe und die Verbannung des Predigers. (dasselbe Bergbuchprotokoll gibt auch ein unzweideutiges Zeugnis davon, in welchem Ton es schon 1636 herging. Indem nämlich darin, wie überall, die dabei Beteiligten: Käufer und Verkäufer, Gerichtspersonen, Zeugen etc. mit den schwulstigen Titulierungen damaliger Zeit beehrt wurden, wird Rudolf Müller, der Hauptbeteiligte, mit keiner Titulierung, selbst nicht mit dem gewöhnlichen "Herr" bedacht. Nur einmal kommt dieser Ausdruck vor, wohl aber: "zuvor nemblichen", "ihme", "er". Ein Zeichen, daß ein anderer Geist in der Ortsgemeinde zu wehen anfing. Die Folgen zeigten es auch!)

      Die nachfolgende Geschichte der hiesigen Evangelischen, seit der gewaltsamen Unterdrückung der Geimeinde und ihres öffentlichen Gottesdienstes, deckt nunmehr nächtliches Dunkel und Totenstille lagert sich über die Gefilde, nach dem Gesichte des Propheten Hesekiel, bis dahin: als Gottes Odem über die Totengebeine des wüsten Feldes zu wehen begann und die Gebeine sich zu regen anfingen und das Totgeglaubte zum neuen Leben wieder erwachten. Davon die neuere Geschichte.

 

     

        

2. Abschnitt

Geschichte der erneuerten Gemeinde zu Ratzersdorf    

 

 

Von ihrer Wiederauflebung bis heute, vom Jahre 1781-1885.

 

1. Kapitel

Allgemeine geschichtliche Vorerinnerungen.

 

 

Mit dem Regierungsantritt Leopold I. (1657-1705), dem Sohne Ferdinands III., auch einem Jesuitenzögling, beginnt die traurigste und schmachvollste Zeitperiode für die Protestanten. Adelige und Priester, Panduren und Dragoner, mit Jesuiten an der Spitze, hausten von Gemeinde zu Gemeinde, fingen die Geistlichen und vornehme Weltliche ein, raubten Kirchen und Schulen weg und gingen mit dem evangelischen Volke auf eine, jegliches Menschengefühl verletzende Weise um - "zur größeren Ehre Gottes!" (im Jahre 1672 am 18. Juli büßten auch die Preßburger ihre selbsterbauten zwei Kirchen (die jetzige Jesuiten- und Ursulinerinnenkirche) und Schulen, auch durch einen Grafen Leopold Kolonics, Bischof und Kammerpräsidenten, ein. Letztere Kirche wurde durch Axtschläge geöffnet.)

Mir Schauder und Abscheu nur kann man in der Geschichte dieser Zeit blättern!

Unter Leopold´s Regierung, im Jahre 1673, geschah die berüchtigte zweimalige Zitazion der evang. Prediger durch den Graner Primas Szelepesényi nach Preßburg. - Aus dem Landstrich von Ungarn, den die Türken besetzt hielten, untersagten diese den Predigern, daselbst zu erscheinen. Zuerst wurden 33, dann 300, unter furchtbaren Anklagen als Landesverräter, Gotteslästerer usw. mit Todesstrafe bedroht, dann aber, angeblich durch Leopold, zur Verbannung aus dem Lande begnadigt. Nur Einer von ihnen wurde seinem Glauben untreu (Suhajda). Viele der Standhafteren wurden in scheußliche Gefängnisse eingekerkert und zu Schanzarbeiten gezwungen. Sodann zuerst 41 Prediger, ferner 20 zur Galeerenstrafe verurteilt und als Galeerensklaven nach Neapel und Triest verkauft. Von den ersteren kamen jedoch nur 30 in Neapel an. Die übrigen sind mittlerweile unter den Händen ihrer Peiniger durch den Tod erlöst worden.

Wo um diese Zeit noch eine protestantische Kirche in versteckteren Gebieten des Landes zu finden war, die wurde weggenommen und jedweder evangelische Gottesdienst verboten. 

Die allgemeine Unzufriedenheit im Lande, da zugleich auch die politischen Rechte der Nation mißachtet und niedergetreten wurden, führte zur Wesselényischen Verschwörung, die man, obwohl die Häupter derselben größtenteils Katholiken waren, den Protestanten in die Schuhe zu schieben trachtete und die Protestanten darum noch mehr verfolgte. (Der Schauderhaftigkeit und unerhörten Grausamkeit wegen übergehen wir hier das Blutgericht oder die sogenannte Bluthochzeit zu Eperies)

Da entbrannte der Krieg zwischen den "Kuruzen"  (Ungarn) und den "Labanzen" (Kaiserlichen). Der Kesmarker Graf Emerich Tököli wurde der Führer der aufständigen Kuruzen.

Der Oedenburger Landtag von 1681 wollte zwar der allgemeinen Landeskalamität abhelfen, aber es gelang dies nicht. Die Evangelischen erhielten an diesem Landtage den Schatten ihres Rechtes: an Stelle der 888 ihnen geraubten Kirchen in je einem Komitate, binnen einer boshaft knapp ihnen zugemessenen Frist, sich nur 2 Kirchen erbauen zu dürfen, welche man "Artikularkirchen" nannte. (Im Preßburger Komitate allein gingen 16 Kirchen verloren. Damals gebot Leopold nur über 11 Komitate. Das übrige Land war in den Händen der Türken)

Im Preßburger Komitate war die eine in Réthe und die andere in Pußta-Födémes. (Überhaupt bestimmte man die Kirchen an Orte, fern von volksreichen Städten und fern von kompakteren Massen der Protestanten. Einige dieser Kirchen sind aus Holz, weil es nicht möglich schien, in der gegebenen Frist aus Steinen zu bauen. Andere wurden nicht fertig und stehen auch heute noch - ohne Wölbung, als Andenken an diese Zeit so gelassen.)

Die evangelischen Geistlichen dieser Artikularkirchen durften außer ihrem Orte nirgends irgendwelche Funktion verrichten, keine Kranken besuchen, keine Toten zu Grabe geleiten. Das evangelische Landvolk mußte sich in solchen Fällen an die katholischen Priester wenden und ihnen Stolar- und andere Gebühren zahlen. Den evangelischen Genossen der Zünfte war strenge geboten, die katholischen Feste zu feiern, bei den Prozessionen Teil zu nehmen und den Messen beizuwohnen.

Unter solchen Umständen hatte denn auch die früher blühende, nun aber durch äußere Bedrückung hart zusammengeschmolzene evangelische Kirchengemeinde zu Ratzersdorf äußerlich aufgehört zu sein, "da der Leuchter des Evangeliums weggestoßen ward von seiner Stätte". Sie hatten keinen Tempel, keinen Seelenhirten, keinen öffentlichen Gottesdienst, keine Predigt des Wortes Gottes mehr. Zur Stärkung der Glaubensgenossen durfte kein evangelischer Prediger von anderwärts hierher kommen. Ihre Kinder wurden von dem katholischen Priester getauft und in katholischer Schule unterrichtet. Ihre Ehen wurden katholisch eingesegnet und ihre Toten mit katholischer Begleitung zu Grabe getragen. (Wie groß und lang andauernd die Vexation der Evangelischen hierorts von Seite der katholischen Pfarrer war, darüber hier nur Einiges: Aus einem im Kirchenarchiv befindlichen eigenhändigen Brief des Grafen Nikolaus Pàlffy, als Grunherren, aus Wien 1716 datiert, geht hervor, daß der Pfarrer aus Ratzersdorf hiesige "Akatholische" (d.h. Evangelische) noch zur Zeit Maria Theresia´s mit auswärtigen Evangelischen nicht kopulieren wollte. Hierbei gab er als Vorwand das Verbot des Pàlffy selbst an. "Es ist nicht wahr, daß ich dem Pfarrer zu Ratzersdorf hätte anbefohlen, daß er die Akatholischen mit denen fremder oder auswärtigen nicht copulieren solle" - mit diesen drastischen Anfangsworten desavoniert dieser den Herrn Pfarrer und befielt demselben, solche Ehen zu kopulieren. - Bei einem Begräbnis schlägt der Pfarrer, während des evangelischen Gesanges beim Hause, dem neben ihm stehenden Vorsänger das Gesangbuch aus der Hand. Dieser bückt sich hernach und fährt weiter fort zu singen. Aber der Herr Pfarrer wiederholt diese rohe Prozedur dreimal hintereinander. Den Trauernden war somit auch noch der Trost versagt. - Des totgestochenen Lutherbildes hatten wir schon früher Erwähnung getan. - Als sich eine hier im Dienst stehende ältliche evangelische Person aus Mähren weigerte, auf ihrem Totenbett die heilige Hostie zu nehmen, verweigerte der Pfarrer die Beerdigung der Toten und der Dienstgeber beerdigte sie selbst unter einem Hollunderstrauch seines Hofes, gegenüber dem jetzigen evangelischen Pfarrhause.)

Aber auch in dieser Zeit der Drangsale bewährte sich das Wort der Schrift: "Das Wort unseres Gottes aber bleibet ewiglich!"

Unsere Voreltern hier retteten aus allen den Trümmern ihres geistigen Eigentums den kostbarsten Schatz: die heilige Bibel und mit ihr so manches Erbauungsbuch, welches hie und da auch heute noch als teure Familienreliquie aufbewahrt wird. Mit diesen haben sich die Vorfahren - nach mündlicher Überlieferung - in Kellerräume geflüchtet, um an dem öffentlich verpönten Wort des Lebens sich zu laben und aus so mancher guten Kirchenpostille sich zu erbauen.

Es ist merkwürdig, wie sich der gesunde evangelische Sinn des Volkes, in Ermangelung eines Seelenhirten, bei den verschiedenen kirchlichen Funktionen in der Familie selbst, zu helfen wußte. Wir haben schon in der Einleitung, bei den noch heut zu Tage üblichen religiösen Familiengebräuchen, darauf hingewiesen: Interessant ist namentlich der Gebrauch bei Eheschließungen, bei dem sogenannten "Versprechen" (Verlobung) und unmittelbar vor der Kopulation in der Behausung der Braut. Da gibt es regelrechte geistliche Reden auf biblischer Grundlage, einfach, ungefügig im Satzbau, volkstümlich, nicht ohne einem Zug echter, alttestamentarischer Poesie. Die Redner sind: der Beistand des Bräutigams und der Braut. Da gibt es weiter eine Willensäußerung und Angelobungsformel mit Ja und Amen und schließlich die feierliche Einsegnung des Brautpaares, so, daß wenn hierbei der ordentliche Geistliche der Fungens gewesen wäre, die Leutchen in optima forma schon kopuliert wären. Worauf deutet dies Alles hin ? Darauf, daß diese Reden und Formeln keineswegs von einem geschulten Theologen, aber von einem schlichten, religiösen und mit der Bibel vertrauten Volksmann verfaßt sind. Sprache und Ausdruck der Schriftstücke verrät es, daß ihr Ursprung in die traurige Zeit der sistierten Seelsorge zu setzen sei. Und die Ursache davon war keine andere, als das drückende Verbot, nach evangelischer Art und Weise in eigener Muttersprache sich trauen lassen zu dürfen. Was ihnen der katholische Priester nicht gab, das gaben sie sich selbst notgedrungen. Somit ist es nicht zu verwundern, daß auf solche Weise der evangelische Sinn hier nicht ausgestorben und daß hier auch in der traurigsten Zeit eine latente evangelische Gemeinde bestand, deren Licht nicht ausgelöscht, aber nur unter den Scheffel gestellt war, um zu geeigneter Zeit aus Dunkel und Verborgenheit wieder an die Tageshelle zu treten.

Und das geschah - mit Gottes Hilfe !

 

 

 

2. Kapitel

Die hiesige evangelische Gemeinde als Filiale zu Preßburg

 

 

Die Regierungszeit des edlen Josef I. (1705-1711) mit dem Szatmárer Friedensschluß unter Rákóczy II. (1711), die Zeit Kalr III. (1711-1740) und dessen Tochter Maria Theresia´s können wir mit Stillschweigen übergehen, da sie in dem Zustande der Evangelischen hierorts keine Veränderung gebracht haben.

Mit Ende des vorigen Kapitels haben wir nun die marianische Jesuitenherrschaft hinter uns. - Endlich, nach einer 200-jährigen unaussprechlichen Leidenszeit, dämmerte wieder ein mildes Morgenrot über die evangelische Kirche auf, als der erleuchtete Josef II. (1780-1790) vom Reiche Besitz nahm, die Jesuiten schon früher aus dem Lande vertrieb und am 25.Oktober 1781 sein berühmtes Toleranzedikt (Duldsamkeitsgebot) erließ. Laut diesem war es den Protestanten gestattet, dort, wo sie schon 100 Familien bilden - wenn es ihnen ihre Mittel erlauben - eine Gemeinde zu gründen, ein Bethaus, aber ohne Turm und Glocken, und eine Schule zu bauen, Pfarrer und Lehrer zu berufen und einen öffentlichen Gottesdienst frei zu halten. Ihren Predigern wird in dem Edikte nun auch gestattet, die Kranken in- und außerhalb ihres Ortes zu besuchen und frei auch andere Funktionen zu verrichten. Die Evangelischen wurden nun nicht mehr zu katholischen Messen und Umgängen gezwungen und den katholischen Priestern war es verboten, sich den Sterbenden evangelischen Glaubens mit Beichte und letzter Ölung aufzudrängen.

Das war ein Wort aus Herrschersmund, wie das des Meisters und Erlösers bei Jairi´s totem Töchterlein, als er sprach: "Mägdlein, ich sage dir, stehe auf!" - und alsbald stand das Mägdlein auf. So kam es durch das milde Wort des weisen und gerechten Monarchen, daß die dem Untergange preisgegebene evangelische Kirche aus ihrem todesähnlichen Schlummer erwachte und wie durch einen Zauberstab aus Schutt und Trümmer eine Gemeinde nach der anderen auferblühte.

Als in Folge des Toleranzediktes der schwere Druck der Protestanten nachließ, atmeten nunmehr auch die Evangelischen von Ratzersdorf erleichtert auf. Und da nun den evangelischen Predigern gestattet war, auch außerhalb ihres Wirkungskreises Funktionen zu verrichten, durften sie nun daran denken, um geistigen Beistand und Aushilfe bei der nahen Preßburger evangelischen Gemeinde nachzusuchen.

So trat zu dieser Zeit die Gemeinde von Ratzersdorf in den Verband einer Filiale zu der evangelischen Gemeinde in Preßburg, berief jedoch erst im Jahre 1800 als ihren ersten Lehrer Daniel Makoviny, einen Studierenden aus Preßburg, welcher hier bis 1804 in einem Mietlokal sein Amt versah. Zwölf Jahre lang dauerte der bestöndige Wechsel der gemieteten Schule und hatte auch den Nachteil zur Folge, daß auch die Schullehrer teil beständig wechselten, teils mangelten. Dieser mißliche Umstand bewog nun die Gemeinde, sich ihre eigene Schule zu bauen.

Nach vielen Bitten und Prozessen, mit verschiedenen hemmenden Widerwärtigkeiten kämpfend, baute sich die Gemeinde endlich im Jahre 1812, auf dem ihr angewiesenen morastigen Grunde ein Schulhaus (die jetzige Lehrerwohnung). Bei dem Bau wurde sie von dem Komitatsnotär Josef von Jablanczy, von dem Konvent der Barmherzigen Brüder zu Preßburg und von der Ortsgemeinde, mit dem Richter Krampl an der Spitze, mit mannigfachen Vexationen gehindert. (Die "Barmherzigen" beanspruchten den ihnen gegebenen Grund als ihren Grund und wollten einen Krautfleck daraus machen. Die Ortsgemeinde erlaubte ihnen nicht, Steine zu brechen und sie holten sich diese aus ihren eigenen Weingärten, und Jablanczy sistierte den halbfertigen Bau, als schon die Zimmerleute am Dachstuhl waren).

Der fertige Bau - zahlreiche Fuhren und Handlangerdienste ungerechnet - kam auf bare 9084 fl. Wiener Währung zu stehen.

Nachdem Makoviny das Lehramt verlassen, berief die Gemeinde am 01. November 1804 einen anderen Lehrer, dessen Name aber, sonderbarer Weise, in dem ausgestellten Vokator gar nicht vorkommt. Nach einigen provisorischen Lehrern folgte als ständiger Lehrer Andreas Steberl, der vom Jahre 1810 bis 1833, 23 Jahre lang das Schulamt führte.

Im Jahre 1834 am 01. Mai erwirkte sich die mittlerweile gestärkte Gemeinde von der Preßburger Muttergemeinde das Recht, sich einen Prediger halten zu dürfen, der zugleich auch das Lehramt versehen sollte. Unter dem Namen eines Vikars sollte er jedoch der Preßburger Gemeinde untergeordnet sein. Als solchen berief nun die Gemeinde Johann Pospisch, damaligen Prediger zu Wald, in der Ober-Steiermark, welcher als erster Prediger dieser Gemeinde, am 16. März 1834 (am Sonntag Judika), durch Johann Christian Tremmel, Senior des Preßburger Ministeriums, in sein Amt eingeführt wurde. Bei derselben Gelegenheit wurde einstweilen auch das bestehende Schullokal zum Betsaal eingerichtet und eingeweiht.

 

 

 

 

3. Kapitel

Kirchenneubau im Jahre 1834, Einweihung der Kirche am 17. Mai 1835,

Selbständigkeitserlangung der Gemeinde

 

 

Der Betsaal war klein und ungenügend und konnte nicht gut doppelten Zwecken dienen. Darum traf die Gemeinde mit Eifer alle nötigen Veranstaltungen, um ein, ihren Bedürfnissen angemessenes Gotteshaus erbauen zu können. Es hat auch hier, wie bei der Schule, viel Petitionen und Gänge gekostet, bis sie endlich die hierzu nötige Genehmigung vom Grundherren Fürsten Anton Pálffy zu Erdöd, auf einem Quartblatt erhielt. (Sie ist folgende: Ad Nrum Resolut. 112/1834. Récsey ágostai vallású Közeg által benyujtott Könyörgésére ezzel megengedtetik, hogy a kért Urbariális puszta ház helyén a Vallásukbellek számára egy Templomot épitetthessen. Köllt Bécsben, Martius 14én 1834. (L.S.) Hertzeg Pálffy m. p. Az Uradalmi kantzellária által kiadta Kemény Ferencs Tisztartó.)

Aber das Werk wollte nicht so leicht vorwärts kommen. Am 28. Juni erschien die Komitats-Kommission unter dem General-Perceptor Jablonczay, als Stellvertreter des Vizegestans. Nach heftigem Widerspruch der katholischen Mitbrüder, unter großem Streit und Lärm, wies endlich die Kommission den sumpfigen, westlich von der Schule gelegenen Grund zum Bau der Kirche an.

Darnach fertigte der Baumeister Gottlieb Pendl ein Gutachten aus, wo er darlegt, daß der Bau auf dem angewiesenen Grund, wegen zu tiefer Fundamentlegung und Terrainerhöhungen, unterirdisch so viel kosten könnte, als auf dem von der Gemeinde verlangten Grunde die ganze Kirche selbst, somit der angewiesene Bauplatz zu dem Zwecke nicht tauglich sei. So zog sich die Angelegenheit wieder in die Länge hinaus, bis endlich, durch energische Verwendung des Paul von Scultéty, Senioralinspektors von Preßburg und Fiskals des Erzherzogs Karl, die Gemeinde von der Komitatsbehörde die Erlaubnis erwirkte, an dem von ihr gewünschten Platze die Kirche zu bauen.

Am 04. August 1834 wurde, unter drohender Zusammenrottung und heftigen Debatten der durch den Ortsrichter angeführten Einwohner, den zwei Vorstehern der Gemeinde, Gottlieb Ruckriegl und Matthias Szloboda, endlich der zu einer Kirche zwar auch nicht sehr geeignete, aber doch erhöhtere Bauplatz, kommissionell übergeben.

Unter tatkräftiger Führung der Vorsteher Gottlieb Ruckriegl und Matthias Szloboda und des Kirchenvaters Paul Reichardt, wurden schon am 06. August, von den Gemeindegliedern selbst, die Fundamente gegraben und am 07. August, durch den Baumeister Gottlieb Pendl aus Preßburg, der eigentliche Kirchenbau mit Legung der Fundamente begonnen. Die Fundamente sind wegen Allivialgrund tief angelegt, und durch rührige Hände der Gemeindeglieder wurden ganze Blöcke in die Tiefe versenkt. Am 27. September standen die Kirchenmauern vollendet da. Mit der schleunigen Aufstellung des Dachsthles durch Jakob Fischer, Zimmermeister aus Preßburg, und der Dachdeckung durch den Schieferdeckermeister Moritz Umbach, wurde der Rohbau zu Stande gebracht. Der eintretende Winterfrost machte dem Weiterbau ein Ende. Im Monat Februar des folgenden Jahres wurde die Arbeit mit der Bemörtelung der Mauern fortgesetzt und am 21. Februar zu Ende geführt. Am 08. März ist der Schlußstein am Altarplatze, mit der, den Kirchenbau beschreibenden Urkunde, eingefügt worden.

Nach Beendigung der inneren Arbeiten, die rüstig betrieben wurden, konnte endlich die Kirche am 17. Mai 1835, am 4. Sonntag nach Ostern, durch Johann Christian Tremmel, Senior zu Preßburg, unter großem Andrange auswärtiger Festgäste, als ein beredtes Werk der gnädigen Beihilfe Gottes, eingeweiht werden.

Willfährig und mit echt evangelischer Opferfreudigkeit wurde die hiesige evangelische Gemeinde durch ihre Glaubensgenossen, vorzüglich aber und in großem Maße durch Glieder der Preßburger Gemeinde unterstützt. (Durch Sammlungen bei den Gemeindegliedern in Preßburg gingen ein: 748 fl. 52 kr. Wiener Währung). Ja, selbst die glorreiche Erzherzogin Maria Dorothea, Gemahlin des Erzherzogs Josef, Reichspalatins von Ungarn, sandte zu diesem Zwecke durch den Prediger Christian Tremmel aus Preßburg ihren Glaubensgenossen die Spende von 40 Gulden in Conv.-M.

Der Rohbau der Kirche, samt Altar und Kirchenbänken - mit Ausnahme des Chores und der Orgel - belief sich auf 14.447 fl. und 15 kr. Wiener Währung.

Zu dieser, für die Geimeinde so denkwürdigen Zeit der Kirchweihe, ist die Ratzersdorfer evangelische Kirchengemeinde eigentlich selbständig geworden und zählte bei ihrer Konstituierung 80 Familien (außerdem 8 evangelisch-katholische Ehepaare), im Ganzen 402 Seelen. (Die Daten sind dem Duplikat der Grundstein-Urkunde entnommen)

Nachträglich, im Jahre 1851 wurde im Inneren das Chor (an der Frontseite aus Mauerwerk, an den zwei Langseiten aus Holz) ausgeführt und die Orgel durch den bewährten Orgelbauer Martin Sasko aus Brézova aufgestellt. (Die Orgel kostete 500 fl. Conv.-M.) Somit wurde die Kirche in ihrem gegenwärtigen Zustand vollendet.

Die Kirche, ein gefälliger Bau, ist am südwestlichen Ende des Ortes, neben der alten Schule, auf einer terrassierten, an die Weingärten sich anlehnende Anhöhe erbaut. Mit ihrer Front blickt sie vom Saume der rebenbepflanzten Karpathenabhänge als höchst und frei gelegenes Gebäude weit gegen Ost-Süd, in das vor ihr gelegene Flachland hinaus. Ihre äußere Länge beträgt 20,5 Meter, ihre Breite 13,35 Meter und ihre Höhe bis zum Dache 10 Meter. Sie ist auf ungewöhnlich tiefer Grundmauer von Stein, im Oberbau aus gebrannten Ziegeln erbaut und mit Grauschiefer gedeckt. Der über dem Hauptportal zu erbauende Turm und die Sakristei fehlen noch. Das Innere derselben, in schlichtem, aber edlem Stil gehalten, durch 5 Front- und 12 Seitenfenster erhellt, ist eines Gotteshauses würdig. An der Frontseite und an beiden Langseiten läuft das Chor, das erstere von Mauerwerk, das letztere von Holz ausgeführt. Der an der Bergseite in einer Rundelle erhöht stehende Altar, über welchem die Kanzel,  einheitlich mit demselben, eingefügt ist, stammt aus der slavischen Kirche in Modern her, hat als Altarblatt "Christum am Oelberge betend", uns ist in überladenem, bunten Barockstil gehalten, der zu dem edlen Stil der Kirche und der gleich schönen Orgel wenig paßt.

Die Orgel, aus einem Mittelstück, mit 2 überragenden Sitentürmen, mit vor der Front angebrachter Tastatur, hat ein gefälliges Äußeres von weißem Farrbenanstrich mit Vergoldung. Die innere Konstruktion neuen Systems ist perfekt und solide. Die Orgel ist mit 7 Registern und einer Kopula versehen und ist ein Werk des bewährten Orgelbauers Sasko aus Brézova.

Im Inneren der Kirche befinden sich zur Zeit keine historischen Inschriften. Aus Veranlassung der 50-jährigen Jubelweihe der Kirche, am 17. Mai 1885 wurde der Fronttür eine Votivtafel, aus grauem Marmor, mit der Inschrift angebracht: 

 

"Dieses Gotteshaus hat die Ratzersdorfer evangelische Kirchengemeinde A.B. im Jahre des Herrn 1834 am 7. August aus dem Fundamente aufzubauen begonnen und nach dessen Vollendung im Jahre des Herrn 1835 am 17. Mai Gott geweiht. - Gott allein sei Ehre!"

 

 

4. Kapitel

Prediger der neueren Gemeinde von 1834-1885

 

 

Nach Wiederaufleben der Gemeinde, nachdem solche eine Zeit lang Filiale zu Preßburg gewesen, eröffnete die Reihe der hiesigen Prediger der schon genannte Johann Pospisch. Er war am 08.12.1781 zu Bösing geboren und wurde als Pfarrer zu Wald, in Ober-Steiermark, zum Prediger und zugleich Jugendlehrer an diese Gemeinde berufen. Am 16. März 1834 trat er sein hierortiges Amt an und verwaltete dasselbe gewissenhaft, bis zu seinem, am 15. April 1846 erfolgtem Tode. Derselbe hinterließ eine kinderlose Wittwe. Bei Beginn seiner Amtswirksamkeit wurde die Kirche erbaut.

Dessen Amtsnachfolger war Ludwig Ferdinand Bukwa, ein Sohn des Georg Bukwa, Pfarrers in Alsó-Sztregova, im Neograder Komitat. Zuerst war er Pfarrer in Cseh-Brezó im Neograder Komitate und wurde nach kurzer Amtszeit durch Kanzleidekret, ddato Wien, am 25. November 1834, zum evangelischen Feldprediger der kaiserlich königlichen Armee in Italien ernannt. Nach einer glänzenden Vergangenheit, als solcher, kam er dann aus Italien als Distriktnalkaplan an die Seite des Superintendenten Franz Samuel Stromsky nach Preßburg und wurde von hier im Jahre 1846 zum Prediger und zugleich noch Jugendlehrer an die Gemeinde zu Ratzersdorf berufen. Hier trat er sein Amt am 26. April 1846 an. Unter dessen Amtsführung wurde das Prediger- vom Lehreramt getrennt, wonach im Jahre 1849 an dessen Seite Karl Bartos, ein ausgezeichneter Lehrer, berufen wurde. Bukwa, ein genialer Kopf und ausgezeichneter Linguist, starb hierorts unverheiratet, am  08. April 1858, in seinem 53. Lebensjahr.

Der Nachfolger Bukwa´s und dritter Pfarrer der Gemeinde war Gustav Moczkovcsák, ein Sohn des greisen Simeons, Johann Moczkovcsák, Pfarrers der slavischen Gemeinde zu Bösing. Geboren ist er am 02. Juli 1833 zu Bösing. Nach absolvierten theologischen Studien wurde er als Kandidat des Pfarramtes in die hierortige Pfarre berufen und am 08. August 1858 (am 10. Sonntag nach Trinit.) in sein Amt feierlich eingeführt. Im ersten Jahr seiner Amtsführung hat die Gemeinde, da sie Lehrer und Pfarrer in einer Wohnung nicht gut unterbringen konnte, ein zu früherer Zeit dem Marienthaler Paulinerorden gehöriges, dem Gemeindehause gegenüberstehendes Kurialhaus, von dem pensionierten kaiserlich königlichen Major Michael Hoffmann, um die Summe von 5500 fl. C.-M. angekauft und zur Pfarrwohnung bestimmt. Nach dreijähriger kurzer Amtsführung hat Gustav Moczkovczák das Zeitliche gesegnet. Er starb am 02. Dezember 1861, eine Wittwe mit einem Töchterlein hinterlassend.

Dessen Nachfolger, als vierter Pfarrer der Gemeinde, ist der Schreiber dieses, Gustav Polevkovics. Er ist im Jahre des hiesigen Kirchenbaues - 1834 - am 26. Februar in der königl. freien Bergstadt Neusohl (Beszterczebánya), im Sohler Komitat geboren. Sein Vater ist der noch lebende und nach 50-jährigem Amtsjubiläum seit 1880 pensionierte Professor des evangelischen Gymnasiums zu Neusohl, Johann Polevkovics, ein gebürtiger Modreiner. Seine Mutter war die seit 1845 verewigte Amalie, geb. Theil, Lehrerstochter aus Neusohl. Als der Älteste von drei Geschwistern im 11. Jahre durch den Tod der Mutter verwaiste, besuchte er, nach Beendigung der 6. Gymnasialklasse in Neusohl, die zwei höheren Klassen des Lyceums in Preßburg und kam 1854 nach Oedenburg zum Studium der Theologie, wobei er zugleich die Hauslehrerstelle in der angesehenen Familie des Johann von Rupprecht bekleidete. Nach abgelegtem Kandidatikum in Oedenburg vor dem damaligen Administrator der Superintendenz, Leopold Wohlmuth, im Jahre 1856, leitete er als Hauslehrer drei Jahre die Erziehung des einzigen Sohnes des Georg von Platthy, Gutsbesitzers in Nagy-Szalatna und Vizespans des Sohler Komitates. im Jahre 1859 bezog er die Universität in Halle an der Saale, hospitierte an den Universitäten in Leipzig, Jena und Berlin, bereiste Nord- und Süddeutschland und kam 1860 in sein politisch neuerstandenes Vaterland zurück, in Szügy (Neograder Komitat), im Hause des Albert von Fáy, Gutsbesitzers daselbst, ein Jahr noch als Erzieher wirkend.

Im Jahre 1861 traf ihn daselbst der ehrenvolle Ruf des neugewählten Herrn Superintendenten Ludwig Geduly, an seiner Seite als Distriktualkaplan zu wirken, und wurde von demselben in Preßburg, am 15 Oktober 1861, als Erstling seines Bischofsamtes konsekriert, aber schon am II. Weihnachtsfeste desselben Jahres von der evangelischen Gemeinde zu Ratzersdorf zu ihrem Pfarrer erwählt, woselbst er aber erst am 09. Februar 1862 feierlich in sein Amt eingeführt wurde. Seitdem wirkt er hier ununterbrochen, bereits 23 Jahre lang.

Am 01. August 1866 verehelichte er sich mit Rosa Adelmann aus Güns, verlor aber schon am 06. Juli 1873 seine getreue Gattin und Amtsgenossin und dessen vier unmündige Kinder ihre sorgsam liebende Mutter.

Den Kindern die Mutter und dem verwaisten Pfarrhause die Pfarrfrau zu ersetzen, wählte er sich zur Lebensgenossin Ida Taubinger aus Preßburg, mit welcher er sich am 12. Juni 1877 vermählte. Das Glück dieser Ehe war auch kurz. Die jugendliche Gattin starb, nach bald 7-jähriger Ehe, am Ostersonntag den 13. April 1884, nach Sonnenaufgang, unvermutet, nachdem sie kurz zuvor einem gesunden Töchterlein das Leben gegeben. Ein Töchterchen und ein Söhnchen gingen schon früher der Mutter in die Ewigkeit voran. Der von dem Herrn Geprüfte ist schwer gedemütigt.

Unter der Amtswirksamkeit des erwähnten Pfarrers baute die Gemeinde, nach glücklicher Tilgung älterer, beträchtlicher Schulden, im Jahre 1869 im Hofe des Pfarrhauses ein, den gesetzlichen Anforderungen entsprechendes neues Schullokal, blos für den Unterricht, welches am 01. Mai desselben Jahres durch den Herrn Senior Johann Geyer, zu seiner Bestimmung eingeweiht wurde. Das frühere, alte Schulgebäude wurde später, im Jahre 1874 durch Erhöhung, Umbau und Flügelanbau renoviert und zur Lehrerwohnung bestimmt. Im Jahre 1877 ist auch das Pfarrhaus, durch Überwölbung des Preßhauses, namhaft renoviert worden.

Eines der wichtigsten Ereignisse zur Amtszeit dieses Pfarrers ist die, in hiesiger Gemeinde am 24. Juni 1877, am 24. Sonntag nach Trinitatis, durch den Herrn  Superintendenten und königl. Rath Ludwig Geduly im Beisein des Herrn königl. Rates Ludwig von Mossóczy, Senioralinspektors, des Herrn Franz von Trßtyénßky, Vertreter des erkrankten Herrn Seniors Johann Geyer, des Visitations-Notärs Herrn Sigmund Korcsek und zahlreicher anderer Glaubensgenossen abgehaltene kanonische Kirchenvisitation. Es ist die erste in dieser Gemeinde stattgefundene, und darum für diese hochwichtig. Es war dies ein Tag, vom Herrn zum reichen Segenstage gemacht, um sich seiner noch lange erfreuen zu können. Das von dem Pfarrer verfaßte Visitations-Protokoll wird in 3 gleichlautenden Exemplaren, im Distriktual-, Senioral- und Pfarrarchiv, für das kommende Geschlecht aufbewahrt. Ebenso eine ausführliche Beschreibung dieser Feierlichkeit im "Kirchenbuche" der evangelischen Gemeinde.

Am 11. November des Jahres 1883 hatte die hiesige Kirchengemeinde, im Vereine der Glaubensgenossen am ganzen Erdenrund, ein erhabenes Fest. In der zur Ehre des Tages reichgeschmückten Kirche ward nämlich der 400-jährige Gedächtnistag der Geburt unseres großen Reformators Dr. Martin Luthers (geb. am 10. November 1483) - das Luther-Jubiläum, bei gedrängt voller Kirche gefeiert. Die reichhaltige Liturgie im Sinne Luther´s, seine herrlichsten Kirchenlieder, die Kommunion der Kirchenältesten und die treffliche Predigt des Distriktualkaplans, Herrn Johann Böhm, erhöhten das Fest. Die Beschreibung auch dieser Feier ist in dem "Kirchenbuche" aufbewahrt.

Am 17. Mai 1885 endlich sieht die Gemeinde auch einem hehren Feste entgegen, es wird das 50-jährige Jubiläum der Einweihung ihrer Kirche und damit zugleich ihres 50-jährigen Bestandes gefeiert. Der Herr möge auch zu dieser Feier seinen Segen geben !

 

 

5. Kapitel

Lehrer, Schule und gegenwärtiger Stand derselben.

 

1. Lehrer der evangelischen Gemeinde von 1835-1885

 

 

Aus dem vorigen Kapitel ist zu sehen, daß seit dem Jahre 1833-1849, wegen bescheidenen Verhältnissen der Gemeinde, das Amt des Lehrers die Pfarrer Pospisch und Bukwa versehen haben.

Im Jahre 1849 wurde als erster Lehrer der nun in geregelte Verhältnisse kommenden, selbständigen Gemeinde Karl Bartos, ein gebürtiger Modreiner, angestellt. Als  ausgezeichneter Lehrer steht er jetzt noch immer in gutem Andenken. Später verließ er die Gemeinde, in eine bessere Stellung nach Ivánka, im Turóczer Komitate, abgehend.

Sein Nachfolger war Johann Georg Kraitz aus Modern, ein Studierender der Theologie, welcher nach kurzem, aber in seinem Fache tüchtigem Wirken im Jahre 1858 zur Fortsetzung seiner theologischen Studien nach Wien abging und dann als Pfarrer nach Hostialkowo, in Mähren, berufen wurde.

Dessen Nachfolger von 1859 bis 1865, war Michael Dionysius Bartos, ein Bruder des vorigen Bartos. In bescheidenen Lebensverhältnissen, im Jahre 1833 zu Modern geboren, besuchte er die Elementarklassen und das Untergymnasium seiner Vaterstadt, kam dann als Lehrergehilfe nach Pußta-Födémes, nach einem Jahre als wirklicher Lehrer in die Filiale Jablonicz und nach einem Jahre wieder als Lehrergehilfe nach Csataj. Nach Verlauf wieder eines Jahres berief ihn, anfangs 1859, die hiesige evang. Gemeinde zu ihrem Lehrer, in der er, bis zu seinem Tode am 10. Februar 1865, sechs Jahre lang wirkte. Am 02. Mätz 1859 verehelichte er sich mit Johanna Kossaczky, der Tochter seines gewesenen Prinzipals zu Csataj, und nach sechsjähriger Ehe hinterließ er die Wittwe mit drei Kindern in dürftigen Verhältnissen. Er starb im Alter von 32 Jahren. Seine tief religiöse Sinnesart war bei den jugendlichen Herzen von guter Wirkung.

Noch während edr Erkrankung des Michael Bartos wurde demselben, seit 08. Dezember 1864 Karl Langhofer, ein Sohn des Bösinger Lehrers, Georg Langhofer, als Gehilfe zur Seite gestellt, welcher nach dessen erfolgtem Tode bis zur neuen Schullehrerwahl, bis zum 28. Mai des Jahres 1865 den Schuldienst versah.

Am 28. Mai 1865 wurde Karl Tim, vorläufig nur provisorisch, am 03. Juni 1866 aber definitiv, als Lehrer angestellt. Setdem wirkt er in dieser Stellung hier 20 Jahre lang. Derselbe wurde zu Oberufer im Preßburger Komitate, am 01. November 1846, als Sohn des Johann Tim geboren. Nach dem Besuche der Elementarschulen in seinem Geburtsort, in Loipersdorf, Ivánka und der Bürgerschule zu Preßburg absolvierte er, seit dem Jahre 1859 bis 1863, die Untergymnasialklassen am Preßburger Lyceum und zog 1863 an die evangelische Lehrerpräparandie nach Oedenburg, wo ihn am 28. Mai 1865 der Ruf zum Lehrer nach Ratzersdorf traf. Am 16. Juni 1869 werehelichte er sich mit Karoline Zechmeister, Tochter des Johann Zechmeister, bürgerlicher Weingärtner aus Preßburg. Dessen Ehe ward mit 6 Kindern gesegnet, von welchen ein Söhnlein mit 7 Jahren verstarb.

 

 

2. Gegenwärtige Schule, Stand derselben

 

 

Das Lokal für den Unterricht ist, wie schon gesagt worden, von der Wohnung des Lehrers getrennt und befindet sich im Hofraum der jetzigen Pfarrwohnung. Es wurde im Jahre 1868, den landesgesetzlichen Anforderungen gemäß, gebaut und am 01. Mai. 1869 von dem Herrn Senior Johann Geyer geweiht. Die Schule, 4 Treppen hoch stehend, erhält durch 4, der Morgensonne zugekehrte Fenster gehöriges Licht und ist mit 4 Ventilatoren unter dem Plafond versehen. Ist darum licht, trocken, gesund und geräumig. Die innere Länge beträgt 8,54 Meter, die Breite 6,55 Meter und die Höhe 3,20 Meter. Der Raum faßt somit 179 Kubikmeter in sich,  wonach bei 80, die Schule besuchenden Kindern 2,2 m3 oder 0,7 m2 per Kopf entfallen. (Das Schulgesetz von 1868, Art. 38 bestimmt bei 60 Kindern, pro Kopf das Minimum von 8 Quadrat-Schuhen an Flächenraum)

Am Anfang des Jahres 1855, bei der Anzahl von 610 Seelen der Gemeinde, beträgt die Zahl der 6-12-jährigen schulpflichtigen Kinder 33 Knaben und 51 Mädchen, zusammen 84 Kinder. Von 13-15 Jahren 11 Knaben und 15 Mädchen, zusammen 26 Wiederhohlungsschüler und Schülerinnen. Knaben und Mädchen werden nur in der Wiederholungsschule, in den Wintermonaten, täglich in einer Stunde von 6-7 Abends und im Sommer Sonntags von 1-2, getrennt voneinander unterrichtet. Den gewöhnlichen Unterricht besuchen Knaben und Mädchen noch gemeinschaftlich. Die Kirchengemeinde hat im Jahre 1885 zur Erhaltung der Schule 462 fl. ö.W. verausgabt, welche Summe, wenn keine größeren Reparaturen oder Anschaffungen stattfinden, auch für andere Jahre so ziemlich normal ist.

 

 

6. Kapitel

Inspektoren der Kirchengemeinde.

 

 

Nach ihrer Konstituierung behalf sich die Gemeinde lange Zeit ohne eigene Kirchen-Innspektoren. Grund davon war der enge Verbband derselben mit der Preßburger evangelischen Gemeinde, welche zusammen ein Seniorat bilden und darum die gemeinschaftlichen Seniorats-Inspektoren dieselbe gegebenen Falles stets bereitwillig, und mitunter, wenn es Not tat, auch recht energisch vertraten.

Erst mit dem Jahre 1860 fängt die Reihe der Lokal-Inspektoren an.

Vom Jahre 1860-1863 war Kirchen-Inspektor Herr Gustav Walko, Eisenhändler in Preßburg. Sein Name hatte dort, wie hier, einen guten Klang. Während seiner kurzen, 3-jährigen Amtswirksamkeit, bis zu seinem, am 11. Juli 1863 im schönen Mannesalter erfolgtem Tode, wirkte er mit rastloser Tätigkeit für das Wohl der ihm volles Vertrauen schenkenden Gemeinde.

Vom Jahre 1863-1873 war dessen Nachfolger im Amte Herr Adam Koßiba, Gutsbesitzer, wohnhaft in Preßburg, ein hochherziger Wohltäter der Gemeinde, der in 10-jähriger Amtswirksamkeit nicht nur mit gutem Rat, aber auch mit anspornender Tat opferwillig beistand, wo es galt, das materielle, intellektuelle und moralische Wohl der Gemeinde und seines Lieblingskindes - der Schule - gedeihlich zu fördern. Die Gemeinde kann seiner, als eines väterlichen Beraters und seltenen Wohltäters, nur mit innigem Danke gedenken.

Vom Jahre 1873-1878 gelang es der Gemeinde nicht, eine gewünschte Persönlichkeit zu dem Amte eines Inspektors zu gewinnen.

Dies geschah erst am 22. September 1878 mit der Wahl des Herr Eduard von Richter jun., Landes- und Wechselgerichts-Advokaten zu Preßburg und zugleich Kirchen-Inspektors der evangelischen Gemeinde zu Misérd, welcher seit dem 21. Dezember 1878 bis heute, 7 Jahre hindurch mit echt evangelischem Glaubenseifer, mit Pflichttreue und Opferwilligkeit seines schönen Ehrenamtes waltet, und, so Gott will, auch noch ferner walten wird.

 

 

           

  1. Kapitel

  1. Kirchenvorsteher und Kirchenväter der Gemeinde seit 1811-1835

 

Ältere Rechnungsprotokolle, als die vom Jahre 1811, woraus die jeweiligen Kirchenvorstände zu ermitteln wären, finden sich nicht vor. Somit können wir erst seit dieser Zeit die Reihe derselben feststellen. In der Zeit vor dem Kirchenbau hatte die Gemeinde nur einen Vorsteher, welcher auch Kassier und Inspektor benannt wird, sonst keinen anderen Kirchenbeamten.

Wir geben dieselben in chronologischer Reihenfolge, wie folgt:

                                              

von bis incl. Name
 

1811

1812 Jakob Strohkendl
1813   Michael Glatz
1814   Georg Gschwendt
1815 1818 Leopold Grasl
1818 1822 Paul Weng
1823   Kristof Wenzel
1824 1827 Paul Reichardt
1828 1832 Andreas Herl
1833   Paul Wenzel
1824 1835 Gottlieb Ruckriegl und Matthias Szloboda
1834 1835 Paul Reichardt, Kirchenvater

      

  1. Kirchenvorsteher, Kirchenväter, Schulväter seit 1835-1885  

 

von bis incl. Kirchenvorsteher Kirchenvater Schulvater
1835 1836 Kristof Wenzel Matthias Reichardt  
Matthias Dadam Michael Gschwendt
1837 1839 Paul Gschweng Matthias Reichardt  
Samuel Wenzel Michael Gschwendt
1840 1841 Matthias Strohkendl Matthias Reichardt  
Matthias Gschweng Michael Gschwendt
1842 1844 Kristof Petschuch Matthias Reichardt  
Andreas Ruckriegl Michael Gschwendt
1845 1848 Paul Gschweng    
Matthias Prazság  
1844 1848   Michael Gschwendt  
  Michael Follrich
1849 1850 Matthias Prazság Michael Gschwendt  
Matthias Mahrhofer Michael Follrich
1851 1852 Matthias Prazság Michael Follrich  
Johann Wenzel Andreas Kompauer
1853 1855 Georg Gschweng    
Josef Wenzel  
1853 1854   Andreas Kompauer  
  Samuel Gschweng
1856 1857 Josef Wenzel    
Samuel Mahrhofer  
1855 1860   Andreas Kompauer  
  Johann Wenzel
1856 1858     Andreas Ruckriegl
1858 1859 Samuel Mahrhofer    
Matthias Strohkendl  
1859 1860     Josef Wenzel
1860 1863 Matthias Gschweng    
Matthias Follrich  
1861 1867   Michael Strohkendl  
  Johann Gschweng I.
1861 1863     Paul Reichardt
1864 1866 Matthias Gschweng    
Paul Gschweng  
1864 1865     Matthias Heck
1867 1868 Paul Gschweng    
Paul Wengh  
1868     Johann Gschweng I.  
  Johann Strohkendl
1865 1874     Matthias Wenzel
1869 1871 Paul Gschweng    
Matthias Wenzel  
1869 1873   Johann Gschweng II.  
  Stefan Prazság
1872   Matthias Wenzel    
Matthias Gschweng II.  
1873   Josef Mahrhofer    
Michael Wenzel  
1874 1877 Paul Follrich    
Paul Petschuch  
1874 1879   Johann Gschweng II.  
  Johann Gschweng III.
1875 1878     Paul Prazság
1878   Paul Petschuch    
Stefan Ruckriegl  
1879   Michael Szloboda   Michael Wenzel
Matthias Ruckriegl  
1880 1882 Paul Wengh jun.    
Lorenz Gschweng  
1880 1885   Johann Gschweng III.  
  Johann Wengh
1880 1882     Paul Gschweng
1883 1885 Paul Wengh jun.   Paul Petschuch  
Matthias Ruckriegl (zum 2. Male)    

 

Aus dem beigegebenen Verzeichnisse ist zu ersehen: wie die Gemeinde mählig erstarkte, hat dieselbe auch, dem Bedürfnisse nach, ihre Kirchenämter vermehrt und vervollständigt. Während in der Filialzeit ein Vorsteher (Kassier) Genüge leistete, finden wir schon während des Kirchenbaues zwei derselben vor, welche Zahl sich fortwährend bis heute erhielt.

Die Kirchenvorsteher verwalten das Kirchenvermögen im Ganzen und Großen, führen dann Aufsicht über die ökonomischen Gemeindearbeiten und Bedürfnisse, und legen vor versammelter Gemeinde jährlich ihre Rechnungen ab.

Seit dem Kirchenbau bestehen auch je zwei Kirchenväter, welche die Kasse aus dem Klingbeutel und Kirchenopfern verwalten und für die gottesdienstlichen Requisiten Sorge tragen.

Zur Förderung des Schulwesens besteht ferner das Amt eines Schulvaters, welcher das Schulgeld eintreibt, für die ökonomischen Bedürfnisse der Schule sorgt und den Schulbesuch überwacht.

 

 

8. Kapitel  

Die Leitung der Gemeinde

 

Der Ortsgeistliche mit dem Kirchen- und Schulinspektor an der Seite, als oberste Leiter der Gemeinde, die Lokalkirchenkonvente, die Konventsausschüsse, der Schulstuhl, der Lokal-Hilfsverein und die zuvor angeführten Kirchenämter, bilden ein organisches Ganzes, wodurch bei geregelt ineinander greifender, pflichtgetreuer Mühewaltung, der äußere und innere Bestand der Gemeinde und deren Wohlfahrt bedingt ist.

 

1.     Die Lokalkonvente werden unter dem Doppelvorsitz des Kircheninspektors und des Lokalgeistlichen abgehalten. Dieselben werden nach Bedürfnis, von Fall zu Fall, durch das Präsidium, mit 8-tägiger Vorherverkündigung in der Kirche, und noch durch einen eigenen Kleinrichter einberufen und unter Doppelvorsitz des Präsidiums stets an einem Sonntag, unmittelbar nach dem Gottesdienste, im Schullokal abgehalten. Mit Abschluß des Jahres wird stets Kirchenrechnung abgelegt und die wechselnden Kirchenämter zu gegebener Zeit besetzt. Über die Beratungen und Beschlüsse wird ein besonderes Konventsitzungs-Protokoll durch den Konventsnotär geführt, welches dann im nächstfolgenden Konvente verlesen, von dem Präsidium und von den anwesenden Konventsmitgliedern unterfertigt wird.

 

2.     Außer diesem besteht noch seit dem Jahre 1862 ein engerer Konventsausschuß der Gemeinde. Derselbe besteht aus 25, teils im gewöhnlichen Konvente auf 3 Jahre gewählten Mitgliedern, teils aus den gewöhnlichen Kirchenbeamten. Die Aufgabe desselben ist, unter Vorsitz des Geistlichen, der Zeit nach dringende, aber minder wichtige Gegenstände, welche jedoch der nachträglichen Genehmigung des Konventes bedürfen, zu erledigen und gegebenen Falles einen wichtigen Gegenstand zum ordentlichen Konvente vorzuberaten.

3.     Zur Pflege und Förderung der Schulinteressen besteht ferner noch seit dem Jahre 1875 ein aus 9 Mitgliedern zusammengesetzter, unter dem Vorsitze des Lokalgeistlichen tagender Schulstuhl (iskolai szék) Laut 38. Gesetzartikels vom Jahre 1868. Derselbe hat zur Aufgabe, die allmöglichen Schulinteressen zu fördern, durch seine Glieder wechselweise den regelmäßigen Schulbesuch zu überwachen, die Eltern der unordentlichen Schulbesucher zu ermahnen und gegebenen Falls vorzuladen und im Notfalle deren gesetzliche Bestrafung zu beantragen. Er hat ferner für die pünktliche Einhaltung der Schulverpflichtungen Sorge zu tragen, bei eintretender Kollision zwischen Lehrer und Eltern schulpflichtiger Kinder zu vermitteln und bei wichtigen Vergehungsfällen die Art und das Ausmaß der Strafe zu beantragen.

 

4.     Lokal-Hilfsverein der evang. Gemeinde.

 

Dieser besteht seit dem Jahre 1862 unter der Leitung des Ortsgeistlichen als „Lokalhilfsverein“ und bildet mit dem Hilfsverein der Pressburger evang. Gemeinde den Pressburger städtischen Senioral-Hilfsverein. Sein Zweck ist: Unterstützung hilfsbedürftiger evangelischer Gemeinden durch eingeflossene ordentliche Jahresbeiträge, freiwillige Gaben und Kirchenopfer.

Derselbe hat, seit seinem Bestande vom Jahre 1862- incl. 1884 eingenommen....262 fl. 27 kr.

 

a)     Davon hat er direkt verteilt:

1875   der Gemeinde zu Grünau, zum Kirchenbau                                                   50 fl. ---kr.

           Und 2 Altarleuchter von Chinasilber,

1880   der Gemeinde zu Duna-Szerdahely, zum Kirchenbau                                    13 fl. 05 kr.

1883   der Gemeinde zu Krompach, zum Wideraufbau der Kirche                            5 fl. --- kr.

1883   der Gemeinde zu Lipto-Szt.-Miklós zum Wiederaufbau der Kirche                5 fl. --- kr.

                                                                                                          Zusammen       73 fl. 05 kr.

b) an den Senioralhilfsverein abgeführt                                                                  108 fl. 40 kr.

c)  zu Hause, resp. In der Pressburger I.Sparkassa kapitalisiert                               80 fl. 82 kr.

                                                                                        Verausgabt zusammen     262 fl. 27 kr.

Das in der I.Pressburger Sparkassa angelegte Kapital, durch Zinsenzuwachs vermehrt, macht bis 1.Januar 1885 die Summe von 121 fl. 56 kr. Aus und wird solande unangetastet verzinst, bis es zu Hilfsvereinszwecken das Minimum von 5 fl. an jährlichem Zins abwirft.

 

 

9. Kapitel

Wohltäter der Gemeinde.

 

Unter dieser Benennung sind Diejenigen verstanden, welche durch außerordentliche materielle Gaben die Interessen der Gemeinde fördern halfen. Eine lange Reihe derselben könnten wir seit erster Zeit bis heute, sowohl aus der Mitte der Gemeinde selbst, als auch anderer Glaubensgenossen anführen. Der Raum jedoch erlaubt dies nicht. Deswegen sei denn bloß der namhafteren Schenkungen und mehr aus der neueren Zeit dankbar gedacht, zu einem beredten Zeugnis über die Geber, wie zur ferneren Anspornung gleichgesinnter Glaubensgenossen.

An der fünfzigjährigen Jahreswende der Kirchenweihe jedoch sei derjenigen ausführlicher gedacht, die in schwerer Zeit, unter bescheidenen Verhältnissen, glaubenseifrig und tatkräftig uns Nachkommen eine Schule und ein Gotteshaus zu Stande gebracht haben.

Wir geben an erster Stelle das Namensverzeichnis sämtlicher, während des Baues der älteren Schule im Jahre 1812 lebender und eben so viele Familien repräsentierender Gemeindemitglieder, samt den freiwilligen Geldbeiträgen, welche dieselben, außer den zahlreichen Fuhren und Handlangerdiensten beim Schulbau geleistet haben.

 

  1. Beiträge zum Schulbau im Jahre 1812

 

 

Name  

WW. fl.  

Name  

WW. fl.    

Name  

WW. fl.
01 Michael Follrich 27 26 Martin Málik 8 51 Paul Gschwendt 27
02 Michael Glatz 27 27 Andreas Wenzel 27 52 Matthias Tietz 27
03 R. Paul Eisenkekin 27 28 Adam Wenzel 27 53 Michael Tietz 15
04 Michael Follrich 25 29 Michael Reiner 26 54 Matthias Marhoffer 27
05 Stefan Wenzel 30 30 Michael Gschwendt 26 55 R. Michael Slobodin 26
06 Paul Follrich 27 31 R. Matthias Kompauerin 27 56 Paul Wenzel 25
07 Michael Follrich 27 32 Johann Weng 27 57 Matthias Sloboda 27
08 Jakob Böhm 15 33 Gottlieb Ruckriegl 27 58 Kristof Wenzel 27
09 R. Matthias Wenzel 15 34 Paul Petschuch 30 59 Johann Sloboda 30
10 Andreas Wenzel 27 35 Kristof Wenzel 25 60 Johann Feng 27
11 Paul Reichardt 27 36 Stefan Wenzel 27 61 R. Andreas Herlin 27
12 Jakob Strohkendl 27 37 Matthias Gschwendt 27 62 Georg Gschwendt 15
13 Johann Gschwendt 27 38 Adam Zuberka 8 63 Georg Gschwendt 27
14 R. Georg Zachhuberin 27 39 Georg Krutzler 26 64 Johann Wenzel 27
15 Elias Wenzel 27 40 Andreas Prazság 26 65 Jakob Gschwendt 27
16 Matthias Gschwendt 27 41 Andreas Ruckriegl 27 66 Johann Lackner   27
17 R. Paul Wenzel 27 42 Andreas Wenzel   30 67 Paul Fenk   30
18 R. Matthias Dadam 27 43 Matthias Strohkendl 27 68 Kristof Lechner 30
19 Mathias Dadam 27 44 Paul Strohkendl 27 69 Josef Gschwendt 30
20 Samuel Wenzel 30 45 Friedrich Böhm 27 70 Michael Gschwendt 30
21 Leopold Grasl 40 46 Johann Kompauer 26      
22 Michael Weng 30 47 Martin Kompauer 27      
23 Andreas Weng 25 48 Michael Gschwendt 27      
24 R. Lorenz Wengin 26 49 Jakob Wenzel 26      
25 Paul Weng 27 50 Paul Wenzel 27      

 

 

In zweiter Reihe geben wir das Namensverzeichnis derjenigen Gemeindemitglieder, die sich mit Einlegung vom Obligationen, außer vielen geleisteten Fuhren und Handlangerdiensten, an dem Kirchenbau im Jahre 1834 und 1835 beteiligt haben.

 

2.     Beiträge zum Kirchenbau im Jahre 1834 und 35

 

 

Name  

WW. fl.  

Name  

WW. fl.    

Name  

WW. fl.
01 Michael Follrich sen. 7,20 26 Paul Weng 18,05 51 Matthias Reichhardt 60,35
02 Michael Wenzel 51,19 27 Stefan Wenzel 80,40 52 Paul Sloboda 95,30
03 R. Johann Lacknerin 33,00 28 Georg Wenzel 40,38 53 R. Johann Slobodin 90,45
04 Michael Follrich 62,00 29 Adam Wenzel 90,45   54 Andreas Herl   68,30  
05 Michael Sloboda   10,00 30 Andreas Prazság 30,05   55 Somonin(Andreas)Gschweng 93,05
06 Matthias Heck 120,00 31 Michael Gschwendt 23,47 56 Andreas Gschweng 50,05
07 Matthias Strohkendl I 51,30 32 Matthias Sloboda 70,00 57 Jakob Gschweng sen. 60,30
08 R. Andreas Wenzlin   27,30 33 Kristof Wenzel 60,05 58 Lorenz Weng 15,00
09 Michael Strohkendl 54,30 34 Georg Krutzler 24,30 59 Jakob Gschweng 30,00
10 Paul Wenzel I. 106,10 35 Andreas Kompauer 20,00 60 R. Gottlieb Fengin 115,10
11 R. Andreas Wenzel II. 93,55 36 Andreas Wenzel II. 64,40 61 Samuel Lechner 60,00
12 Gottlieb Wenzel 31,10 37 Andreas Gschweng I. 53,05 62 Stefan Drgala 59,30
13 Jakob Strohkendl 80,35 38 Matthias Gschweng III. 54,35   ohne Obligation gaben bar:  
14 Matthias Strohkendl II. 80,35 39 Michael Wenzel II. 90,35 63 Stefan Wenzel I. 17,00
15 Paul Follrich 50,05 40 Jakob Wenzel sen. 48,10 64 Georg Zachhuber 20,00  
16 R. Matthias Heckin   55,50 41 Matthias Wenzel II. 40,00 65 Matthias Strohkendl III. 123,10
17 Andreas Ruckriegl I. 40,00 42 Michael Tietz 30,00 66 Samuel Wenzel 65,10  
18 Matthias Dadam 42,10   43 Matthias Tietz 26,54 67 Gottlieb Sloboda   25,00  
19 Andreas Wenzel sen. 66,08 44 Matthias Mahrhofer 90,10      
20 Johann Weng 27,00 45 Samuel Kompauer 50,05   Anmerkung zu Nr. 31:  
21 Paul Zachhuber 40,00 46 Andreas Mahrhofer 20,00   Kirchendiener  
22 Georg Sloboda 40,00 47 Kristof Kompauer 43,05      
23 Anna Maria Lacknerin 20,00 48 Stefan Gschweng 30,10      
24 Elisabetha Molnárin 20,00 49 Matthias Prazság 100,00      
25 Michael Weng 30,05 50 Kristof Wenzel sen. 80,00      

 

3. Opferbeiträge zum Kirchenbau von anderen Kirchengemeinden und Glaubensgenossen

 

Nr. Spender

fl./kr.

1 Ihre k.k. Hoheit, die Frau Erzherzogin Maria Dorothea, Gemalin des Palatins Erzherzog Josef, übermittelte durch den Senior Johann Christian Tremmel aus Preßburg die Spende von 100,00
2 Ebenso Baron Johann Jeßenák 25,00
3 von Preßburg 748,52
4 von St. Georgen 71,00

 5

von Bösing 44,42
6 von Grünau 32,40
7 von Limbach 10,00
8 von Mischdorf 30,00
9 von Nagendorf 17,25
10 von Zurndorf 14,00
11 von Wien 150,00
12 von Ofen 18,36
13 Sammlung aus umliegenden ungenannten Ortschaften 66,00
14 von Matthias Kreutz 2,30
15 von Salamon Schütz 2,00
16 von Johann Mayer aus Modern 2,30
17 von Leopold Grasel aus Sommerein 5,00
18 von Herrn Braun, Ochsenhändler aus Preßburg 12,30
19 Herr Krummholz spendete die Seitenverzierung des Altars, mit 50,00
20 Derselbe außerdem bar 50,00
21 Bei der Einweihung der Kirche kamen meist von auswärtigen Glaubensgenossen an Opfergaben ein 194,09

Zusammen WW. fl.

1636,54

 

Außerdem spendeten, vor und unmittelbar nach dem Kirchenbau, zum Gebrauch für die Kirche:

1. Die Gemahlin des Hieronymus Stadler, Seifensieders aus Preßburg, für das Betzimmer in der Schule: eine weiße Kanzel- und Altardecke.

 

2. Herr Andreas Laucsek aus Preßburg: einen vergoldeten Altarkelch aus Kupfer, samt Patena.

 

3. Frau von André, Kaufmannsgattin aus Preßburg: ein Altar-Kruzifix.

 

4. Herr André aus Preßburg: 2 Altarleuchter.

 

5. Frl. Elise Stadler und Johann Neidtner, Verlobte aus Preßburg: eine Taufschüssel, samt Kanne, aus feinem engl. Zinn.

 

6. Herr Michael Heuffel, Stadtnotär aus Modern: eine zinnerne Meßkanne zum Kommunionwein.

 

7. Die Kirchendiener aus Preßburg: einen Klingelbeutel.

 

 

4. Legate zu Kirchen- und Schulzwecken

 

 

1. Unter die Wohltäter der Gemeinde , die sich um dieselbe, schon zur Zeit ihrer Konstituierung, durch vielfache Hilfeleistung besondere Verdienste erworben haben, ist in erster Reihe zu stellen:

Herr Andreas Laucsek, Kandidat der Theologie und Erzieher aus Preßburg, welcher die Gemeinde im Jahre 1849 mit einem Legate von 2500 fl. K.-M. in Silbermünze zu Kirchengemeindezwecken bedacht hat. Das Legat wurde, mit landesgerichtlicher Genehmigung, in vinkulierte Silberrente al pari umgewandelt und wird von der evang. Kirchenkassa in Preßburg, unter dem Namen des Testators, zu Gunsten der Ratzersdorfer evangelischen Gemeinde administriert. Durch Ergänzung von der Seite der hiesigen evangelischen Gemeinde, beträgt es seit dem Jahre 1862, im Nominalwert die runde Summe von 3000 fl. ö. W. mit einem jährlichen Zinsertrag von 4,20% = 126 fl. ö. W.

 

2. Ein freundlicher Wohltäter der Gemeinde - katholischen Glaubensbekenntnisses - der mit seltener Hochherzigkeit, so lange er hier weilte, sowohl der Gemeinde, als deren einzelnen Gliedern, vielfältig mit Rat und Tat beistand, war der hier ansässige, seit 1871 verstorbene Baron Karl Nevery de Gyula-Bársánd, gewesener Hofkanzleirat. Nach seinem Tode bedachte derselbe auch die Schule mit einem Legate von 50 fl. ö. W.

 

Von einzelnen Gemeindemitgliedern wurden in neuerer Zeit folgende Legate testiert:

 

3. Von dem Jüngling Stefan Sloboda (+03. September 1867) 100 fl. ö. W.

 

4. Von R. Sofia Gschweng, geb. Reichardt (+27. Juli 1869) 40 fl. ö. W.

 

5. Von Michael Gschweng (+31. Oktober 1870) 100 fl. ö. W. 

 

6. Von Matthias Wenzel (+17. März 1872) 30 fl. ö. W.

 

7. Von Stefan Wenzel, gewesener Kirchendiener (+13. Oktober 1868) 50 fl. ö. W.         

 

8. Von R. Theresia Gschweng, geb. Petschuch (+13. März 1873) 50 fl. ö. W.

 

9. Von Elisabeth Gschweng, verehelichte Sloboda, (+16. Mai 1874) zur Anschaffung eines vergoldeten Krankenkelches nebst Patena aus Silber, Neuvergoldung des älteren Kelches und zu einer neuen Totenbahre 100 fl. ö. W.

 

10. Von Matthias Prazság sen. (+19. Februar 1878) 50 fl. ö. W

 

11. Von Samuel Gschweng (12. Februar 1879) 100 fl. ö. W.

 

12. Endlich ist ein seltener, in dieser Gemeinde bisher einziger Fall zu verewigen: Der am 13. März 1879 kinderlos verstorbene Matthias Prazság jun. vermachte mittels Testamen vom 12. März 1879 der hiesigen evangelischen Gemeinde sein ganzes, bewegliches und unbewegliches Vermögen (das Haus Nr. 303 samt Hofweingarten und Acker a. "Spiegel") im Gesamtwert von 2893 fl. 71 kr. öW., welches nach Berichtigung der inhaftierenden Schulden und laufender anderer Gebühren im Betrage von 1277 fl. 45 kr. öW., ferner durch Verkauf des Hauses und Hofweingartens und Hausmobiliars, an reinem Vermächtnis abgab: 1526 fl. 9 kr. öW.

 

 

5. Andere Spenden zu Kirchen- und Schulzwecken

 

 

1. Als edler Wohltäter der Gemeinde verbleibt in gesegnetem Andenken Herr Adam Koßiba aus Preßburg, welcher der evangelischen Gemeinde, während seines Amtes als Kircheninspektor (von 1863-1873), außer seiner zehnjährigen, verdienstvollen und tätigen Wirksamkeit, namhafte pekuniäre Opfer dargebracht hat. So spendete er einen Archivkasten, einen Schulrequisitenkasten; schaffte zur Hebung des Schulunterrichtes wiederholt Schulrequisiten an, einen Globus, Wandkarten, Schulbücher für alle Schüler, Schreibvorlagen, Schreibhefte, Gesangbücher, Maschine und Stäbe zum Rechnen, Schiefertafeln, Prämien für Schüler usw. So legte er zum Beginn des neuen Schulbaues 100 fl. öW. auf den Konventstisch nieder. So trug er die Kosten eines großen Doppeltores am Pfarrhause; bedachte die Kirche mit einem Prachtband einer, von Herrn Johann Schwerdtner aus Preßburg geschenkten Altarbibel; ließ sämtliche Kirchen- und Schulgebäude auf 5 Jahre aus eigenen Mitteln assekurieren usw.

 

2. Unter die Zahl der Wohltäter der hiesigen Gemeinde haben wir auch seine kaiserlich königliche Majestät, unseren allergnädigsten König Franz Josef I. dankbar zu reihen. Seine Majestät hat nämlich, mit allerhöchster Entschließung vom 14. Januar 1869, durch das hohe Kultusministerium zum Schulbau den Betrag von 200 fl. öW. gnädigst bewilligt.

 

3. Das Kultus- und Unterrichtsministerium selbst spendete der Schule durch den königlichen Schulinspektor Richard von Bartal 1 Globus, eine Schulwandkarte von Europa, 16 Wandtafeln zur Naturgeschichte und letzthin ungarische Volkslesebücher.

 

4. Im Jahre 1870 wurde die Kirchengemeinde von der Distriktual-Kommission aus dem, für die Evangelischen reservierten Staatsfonde mit einer Subvention von 100 fl. öW. bedacht. Im Jahre 1871 ebenso mit 100 fl. öW.

 

5. Herr Johann Greiner, Hausbesitzer und Weingärtner hierorts, spendete 1860 ein Altar-, Kanzel- und Taufsteintuch.

 

6. Frau Katharina Walko, die Witwe des verdienstvollen Kirchenispektors, Herrn Gustav Walko, verehrte im Jahre 1863, nach dessen Tode, zu seinem Angedenken ein wertvolles Altar- und Kanzeltuch.

 

7. Herr Georg Zechmeister, Viktualienhändler hierorts, schenkte für die Kirche im Jahre 1866 4 schwarze Altarleuchter nebst Kruzifix und eine Kirchenuhr; im Jahre 1868 4 vergoldete Altarleuchter aus Holz. Für die Schule im Jahre 1868 eine Petroleum-Plafondlampe und im Jahre 1869 einen neuen Schulkatheder. Vom Jahre 1865-1869 versah derselbe die Kirche mit lobenswerter Freigebigkeit jährlich ein-, zweimal mit schweren Altarwachslichtern.

 

8. Matthias Wenzel, Schulvater, hat im Jahre 1866 ein Tragkreuz zu Leichenbegräbnissen verehrt.

 

9. R. Theresia Gschweng, geb. Petschuch, gab im Jahre 1866 ein Christusbild "Ecce homo" nach Guido Reni, im Ölfarbendruck von C. H. Gerold aus Berlin, für die Kirche.

 

10. Johann Szijarßky, Kirchendiener, hat im Jahre 1870 für die Kirche 2 neue Nummerntafeln, samt den dazu gehörigen Nummern, anfertigen lassen.

 

11. Herr Eduard von Richter sen. aus Preßburg hat 2 Bibeln und 2 Neue Testamente zur Verteilung geschenkt.

 

12. Herr Michael Zajlik, Hausbesitzer hierorts, katholischer Religion, hat im Jahre 1880 der Schule 24 Stück Schiefertafeln und 100 Stück Griffeln geschenkt.

 

13. Zum Andenken des, am 13. August 1882 verstorbenen Söhnleins Gyula Polevkovics, widmeten die gebeugten Eltern Gustav Polevkovics und Ida, geb. Taubinger, zum Altarschmucke eine kirschrote, mit Goldfransen besetzte Altarpultdecke aus gepreßtem Damast-Seidensamt und verfertigten dazu nachträglich noch eine gleiche Altar-Kanzelpult- und Taufsteindecke, zu welch letzteren die Gemeinde den wertvollen Stoff angeschafft hat.

 

14. Herr Engelbert Michler, röm.-katholisch, Geschäftsführer der Holzhandelsfirma Haybäck und Comp., verfertigte im Jahre 1883 vor der Gassenfront des Pfarrhauses unentgeltlich ein Staketengeländer aus Lärchenholz.

 

15. Endlich ist noch aus der Reihe der Wohltäter hervorzuheben Herr Eduard von Richter, Kirchenispektor. Im Jahre 1882 spendete derselbe für die Schule eine, die Hauptformen der Erdoberfläche darstellende Wandkarte, aus dem Verlage des Karl Stampfel aus Preßburg. Im Jahre 1883 spendete derselbe zum Andenken an das Ableben seines seligen Vaters für die Kirche 4 große Altarkerzen. Im Jahre 1884 schenkte er zum Schulgebrauche 6 Wandtafeln, mit Abbildungen der, dem Landbau nützlichen und schädlichen Tiere, aus dem Karl Stampf´schen Verlage. Außerdem hat sich derselbe, neben dessen vielfachen Amtsverrichtungen als Kircheninspektor, durch viele unentgeltliche Advokatur-Amtsverrichtungen und Arbeiten die evangelische Gemeinde zu großem Danke verpflichtet.

 

 

Mit der kurzgefaßten Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde zu Récse waren wir denn bestrebt, ein nach Möglichkeit wahrheitsgetreues Bild dieser, der Zahl nach wohl kleinen, aber durch angespannte Tätigkeit ihren Glaubenseifer rühmlich an den Tag legenden Herde unseres Herrn Jesu Christi zu geben. Es ist kein vollständiges Bild, vielmehr nur eine Skizze der äußeren Lebenserscheinungen, wie sie im Laufe von 50 Jahren im Gemeindeleben zu Tage getreten. In das innere, dem Menschenauge verborgene Glaubensleben durften wir nicht wagen einzudringen. Dies vermag ja nur das scharfe, hellsehende Auge des Herzenskündigers, "der die Herzen ergründen und die Nieren Prüfen kann."

 

Aber wenn es gestattet ist, von dem bisher Gesagten auf das Glaubensleben der Gemeinde Schlüsse zu ziehen, so dürfen wir auch von dieser Gemeinde kühn behaupten: Der Herr war stets mit ihr, mit seiner überaus reichen Gnade. Die Waffen ihrer Ritterschaft waren mächtig vor Gott, in der Erkenntnis, im Glauben, in der Liebe, in der Geduld: "Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu Schanden machte, was stark ist." (I. Kor. 1,27.)

 

Darum dürfen wir hier denn am Wendepunkte eines halben Jahrhunderts, im Hinausblick auf ihre Zukunft, so sie standhaft bleibt, auch den Zuspruch, als eine freudige Gottesverheißung zurufen: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde, denn es ist eures Vaters Wohlgefallen, euch das Reich zu geben!" (Luc. 12,32.)

 

Was du bisher getan hast für Gottes Ehre und sein Reich und was du noch ferner tun wirst in Glaubenskraft, hebe deine Blicke auf zu jener Gedenktafel an deinem Heiligtum, die du heute, als einen glänzenden Gedenkstein der 50-jährigen Durchhilfe Gottes, für dich und deine Nachkommen gesetzt hast. Dessen goldene Inschrift lautet:

Soli Deo sit gloria !

Gott allein sei Ehre!

 

 

Anhang

 

Ehestandslied.

 

Hör´an, mein Christ, was ich erklär´

Wo kommt der Eh´stand her ?

Merk´auf mit Fleiß

Er ist von keinem Mensch´erdicht´t

Gott hat ihn selber eingericht´t

Im Paradeis, im Paradeis.

 

Als Gott Adam erschaffen hat,

Macht´, daß er schlief,

Tut ihm nichts weh´,

Nahm eine Ripp´aus seinem Leib´

Und bauet ihm daraus ein Weib,

Setz´ein die Eh´, setz´ein die Eh´.

 

Der Eh´stand ist ein hartes Band,

Dieweil er durch des Priesters Hand

Verbunden wird.

D´rum soll sich Keiner wagen d´ran,

Der dieses Band auflösen kann,

Allein der Tod, allein der Tod.

 

Der Eh´stand ist ein´ harte Buß´,

Macht viel Verdruß,

Viel Kreuz und Leid.

D´rum geb´ ich mich geduldig d´rein

Und denk: es muß gelitten sein,

So lang´s Gott will, so lang´s Gott will!

 

Sankt Paulus spricht: Der Eh´stand gut

Den Eh´leuten tut.

Die Seligkeit !

Die ihn recht übt und traut auf Gott,

Und haltet fest, was sein Gebot !

Das ist schon gut, das ist schon Gut !

 

Ich bitt´ euch, meine Hochzeitsgäst´,

Die Brautleut´ nicht vergeßt !

In Glück und Not;

Tut fleißig für sie beten,

Daß sie den Eh´stand treten,

Wie´s Gott gebot, wie´s Gott gebot !

 

Adieu ! Ich gratuliere euch,

Den Frieden wünsch´ ich euch:

Bis in den Tod !

Dazu viel Glück und Segen

Und auch ein ewig´s Leben,

Das geb´ euch Gott, das geb´ euch Gott !

 

 

Soweit die wortgetreue Abschrift der Gedenkschrift von Gustav Polevkovics.

Als Ergänzung bzw. Anknüpfung an diese Abhandlung, die die Geschichte der Ratzersdorfer Gemeinde bis zum Jahre 1885 darstellt empfehle ich einen Abruck  eines Artikels von Desider Alexy im Kreuzkalender 1936, herausgegeben von Wilhelm Rátz. Diesen habe ich mit zahlreichen Bildern ergänzt.

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