Nachfolgend die Abschrift eines Artikels aus dem:

 

Kreuzkalender von 1936 

Herausgeber: Wilhelm Rátz

Buchdruckerei und Verlagsanstalt Carl Angermayer

Bratislava, Spitalgasse Nr. 18

 

Verfasser: Desider Alexy

 

Die in der Schrift vorhandenen Fotos waren für eine Veröffentlichung im Web nicht geeignet. Ich habe mir erlaubt, aus meinem Bestand an Fotos entsprechendes Material einzufügen. Dadurch sind mehr Bilder als im Original enthalten. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die mir die vielen privaten Fotos zum Zweck des Kopierens kurzzeitig überlassen haben. Desweiteren habe ich im Text vorkommende Namen farblich hervorgehoben.

Bilder aus der Vergangenheit und Gegenwart der evang. Kirchengemeinde A.B. zu Ratzersdorf

Am ersten Mai des Jahres 1935 waren es hundert Jahre, seit unsere Kirche durch Weihe ihrer Bestimmung übergeben wurde. Eigentlich fand die Weihe am vierten Sonntag nach Ostern, damals am 17. Mai 1835 statt. Doch seit alter Zeit beging man den ersten Mai als Kirchweihtag und so feierten wir auch in diesem Jahr hundertjährigen Gedenkens das Kirchweihfest, verbunden mit der Weihe zwei neuer Glocken, am Kirchweihtag der Gemeinde, der wohl noch von der ersten evangelischen Kirche, die heute katholisch ist, herrührt. Ein langer und schwerer Weg ist zurückgelegt. Im Laufe der hundert Jahre und der Jahrhunderte vorher hat die Gemeinde gar manche Freud, aber auch viel Leid erlebt. Wie vielen, fast allen evangelischen Gemeinden unseres Gebietes und darüber hinaus, waren auch ihr die Jahre des Kreuzes nicht erspart. Wie viele andere Gemeinden war auch sie eine "Gemeinde unterm Kreuz". Nach der langen, oft sehr mühevollen Wanderung durch das Labyrinth der Welt, ist die Gemeinde am ersten Mai wieder auf einer lichten Anhöhe angelangt. Wie es vor hundert Jahren, so auch jetzt, war es ein großer Jubel, der alles, klein und groß, jung und alt erfüllte. Am Meilenstein auf lichter Höhe hielt sie auf ihrer Pilgerreise stille, um dem Herrn aller Menschen und Völkerschicksale zu danken für die große Gnade barmherziger Führung und Durchhilfe. Ein Rückblick wars und ein Ausblick zugleich. Manche Bilder ziehen auf solcher Anhöhe der Rückschau an der Seele vorüber. Diese Bilder, aus alter und neuer Zeit, aus längst verschwundenen und gegenwärtigen Tagen sollen aber nicht nur vorüber ziehen, sondern festgehalten werden für kommende Zeiten und Menschen. Es sind Bilder einer ruhm- und leidvollen Vergangenheid, einer ringenden Gegenwart, zur Festigung auf dem Weg in eine ungewisse, vielleicht recht schwere Zukunft.

    In diesem Zeichen mögen die Bilder vor uns lebendig werden, uns zu Ratzersdorf und manchen Gemeinden, die ein gleiches Los, um ihres Glaubens willen erfahren haben, zum Gedenken und glaubensstärkenden Bedenken.

 

Fernher raunt Vergangenheit...

 

    Es war vor langen Jahrhunderten, noch vor dem großen Tartarensturm des Jahres 1241 als deutsche Menschen in deutschen Landen aufbrachen, um neues Land zu suchen und auf ihrer Fahrt nach Hungarnland auch in unser Gebiet kamen. Nach dem großen Tartarensturm aber, der viele blühende deutsche Dörfer und Städte vernichtet hatte, da wurden sie noch mehr gerufen von den damaligen Königen des Landes. Ihr Fleiß, ihre Arbeit, ihre Tüchtigkeit und ihre Treue war hochgeschätzt und darum waren sie hochbegehrt und gerufen zu neuem Aufbau des Landes. Wenn wir die Blätter der Geschichte aufschlagen, so schauen wir, wie ein großer Strom deutschen Volkes aufbrach und ins Land kam, überall neues Leben wirkend. In jenen Tagen, nach dem Tartarensturm entstand auch Ratzersdorf als deutsche Siedlun. Manche Männer alter und neuer Zeit, die die Geschichte unseres Gebietes und die Geschichte der deutschen Volksgruppe hier und anderer Gauen aufgezeichnet und geschrieben haben, Männer wie Mathias Bel, der berühmte evangelische Pfarrer aus Preßburg, Raimund Kaindl, J. H. Schwicker, die bedeutenden Geschichtsschreiber des Deutschtums in den Karpathenländern und im ehemaligen Ungarn, und in neuester Zeit der junge Gelehrte H. Kaser haben es verzeichnet, daß auch unser Dorf "das ursprünglich rein deutsche Ratzersdorf" war. Auch von jenen ersten Ahnen gilt, was der Dichter der Banater Schwaben Adam Müller-Gutenbrunn von seinem Volk singt:

 

Von deutscher Erde sind wir abgeglitten

Auf diese Insel weit im Völkermeer...

 

Aber nicht nur diese Wort, auch ein anderes Wort dieses Dichters gilt es über das Ringen und Wirken der Ahnen zu singen und zu sagen:

 

Aus einer Wüste ward ein blühend Eden,

Aus Sümpfen hob sich eine neue Welt.

 

Heute, wo schon manche Spuren alter Vätertage verweht sind, rausch es in den Wipfeln der Wälder, erzählen die Wiesen und Fluren, die Anhöhen und Raine, glucksen und murmeln die Wasser der Bächlein und Quellen von den Menschen, die hier in den Wäldern gerodet, die die Fluren bestellt und aus waldigen Höhen rebenbekränzte Weinberge geschaffen und jedem Stück neuen Landes ihre Namen gegeben haben, die bis auf unsere Tage unauslöschliche Zeichen und Merkmale deutschen Fleißes, deutscher Arbeit, deutscher Tüchtigkeit und einst blühenden deutschen Lebens sind und bleiben. Ja in allen diesen alten Namen der Berge, Fluren und Felder hören wir Stimmen aus alter Zeit, hören wir erzählen von jenen, die einst vor uns waren...Fernher raunt Vergangenheit...

 

Klänge aus der alten Heimat.

 

Jahrhunderte sind ins Land gegangen. Das neue Land ward zur neuen Heimat. Manches schwere Stück Arbeit wurde schon geleistet und man hat mit aller Liebe an der neuen Heimat gebaut. Wohl auch mancher Männer Blut hat die neue Heimaterde getränkt und so wuchs Mensch und Erde, Volk und Heimat zusammen, daß man sich von ihr schon schwer zu trennen vermochte. Doch ganz heimatlich war es wohl nicht. Es fehlte noch etwas, etwas das einen so ganz, so traulich wie eine Mutter ansprach, das Wort der Kirche in der Muttersprache. Auf einmal, nach vielen Jahren da gings wie ein leises Singen durch die Lüfte, altvertraute Klänge wurden da und dort erlauscht und das Singen und Klingen ward immer mächtiger. Ein heller Klang aus der alten Heimat kam über die Grenzen, über alle Berge bis her zu denen, die der alten Heimat schon fast entfremdet waren. Die "Wittenberger Nachtigall" hub an ihr verlockend Lied zu singen und ihr Lied nahmen die Wolken und Winde auf ihre Flügel und trugen alte Heimatklänge zu denen in der neuen Heimat. Kaum, daß es am 31. Oktober 1517 geschah, gings bald mit Windeseile in die Welt. In den Städten unseres Gebietes ward auch bald die neue Botschaft vernommen und gar bald erstanden der neuen Lehre neue Boten, die sie in allen Städten, Dörfern und Weilern verkündeten dem Volk, das mit heißer und hungernder Seele das alte Wort mit neuem Klang aufnahm und nicht genug davon haben konnte. Um jene Zeit, wohl einige Jahrzehnte nach dem denkwürdigen 31. Oktober 1517 entstand der werdenden evangelischen Gemeinde in dem Grundherrn von Ratzersdorf im Grafen Siegfried v. Kollonich, der zugleich Feldherr des Kaisers Maximilian (1564-1576) war, ein treuer Beschützer und Förderer. Dieser edle Grundherr war ein eifriger Bekenner des evangelischen Glaubens und darum ein mächtiger Gönner der evangelischen Sache und das nicht nur auf seinem unmittelbaren Besitz in Ratzersdorf, sondern auch an andern Orten, wie in Preßburg, wo er zusammen mit Stefan Illesházy vieles für die werdende Gemeinde getan hat. Doieser evangelische Graf Siegfried v. Kollonich machte 1580 den Pfarrer Andreas Reuß, der aus Querfurt in Sachsen stammte, zu seinem Hofprediger. Als solcher hat Andreas Reuß seit dem Jahre 1590 auch in Ratzersdorf gewirkt und war somit wohl der erste evangelische Pfarrer unserer Gemeinde. Der Graf ließ an sein heute noch bestehendes Haus (Heute die Häuser unserer Gemeindemitglieder Johann und Jakob Gschweng) eine ziemlich große Hauskapelle anbauen, in der Andreas Reuß das Evangelium verkündete. In jener Zeit vom Jahre 1590 bis zum Jahre des Wiener Friedens 1606 sind auch die Evangelischen aus Preßburg nach Ratzersdorf gekommen, um hier das Wort vom Kreuz zu hören und das Heilige Abendmahl zu feiern. Selbst in Preßburg hielt Reuß im Kamperschen und im Balassischen Hause evangelische Gottesdienste.Im Jahre 1606 hat man dann Reuß nach Preßburg berufen und so wurde er auch hier der erste evangelische Pfarrer. Die Kapelle, die uns manches erzählen könnte, war für viele eine Segensquelle. Die war die erste evangelische Kirche unserer Gemeinde. Darum wollen und sollen wir, jetzt wo sie vielleicht bald niedergebrochen wird und der neuen Zeit weichen muß, ihr Bild, auch wenn sie später katholisch wurde und bis heute katholisch ist, ehrfurchtsvoll festhalten für die, die nach uns kommen, weil diese Kapelle unsere erste Kirche war.

    Nach dem Wiener Frieden haben sich in unsern Landen die Evangelischen zu selbständigen Gemeinden zusammengeschlossen. So ist es auch in Ratzersdorf geschehen. Und nach dem Weggang des Andreas Reuß, des ersten Pfarrers, und dem Tode des Grafen Kollonich hat sich die Gemeinde einen neuen Verkünder des Wortes berufen, den Pfarrer Urban Hoppe, der später nach Bösing berufen wurde. Damals, vielleicht noch unmittelbar vor dem Kommen des neuen Pfarrers Hoppe, haben unsere Vorfahren die schöne große Kirche gebaut, die heute auch nicht mehr uns gehört. 

 

Ratz07.jpg (455489 Byte)    Ehemals evangelische, jetzt katholische Kirche in Ratzersdorf (Ansichtskarte ca. 1945)

 

Es war eine Zeit großen Segens. Die Gemeinde blühte und es entfaltete sich ein reges Leben. Die erste Liebe schuf große Werke. Ein Glaubenseifer und Opfersinn erfüllte die Väter, und ließ sie viele große Opfer dem Herrn zu Lob und der Gemeinde zum Wohl darbringen. Das Visitationsprotokoll, das gelegentlich der wohl ersten kanonischen Visitation der Gemeinde durch den damaligen Superintendenten Isaak Abrahamides im Jahre 1613 aufgenommen wurde, gibt uns davon eine beredte Kunde. Mehr als zehn Weingärten wurden zur Erhaltung der Kirche, Schule, des Pfarrers und Lehrers gegeben und außerdem noch viel anderes. Solches aber kann nur geschehen, wo Glaube und Liebe in den Herzen und Seelen der Menschen entfacht wurden durch einen, den Herrn und Heiland Jesus Christus. Wo er Menschen erfaßt, Menschen anspricht, da entsteht ein wunderbarer Dreiklang - Glaube, Liebe und Hoffnung. So wurden die Klänge aus der alten Heimat für die Väter zugleich Klänge der kommenden, der ewigen Heimat, der sie mit großer Sehnsucht und gläubigem Hoffen entgegenschauten.

 

Auf dornigen Pfaden im dunkeln Tal.

 

Nicht lange sollte die Freude währen. Bald brach die Zeit der Bewährung an. Schon unter Rudolf II. waren manche Ungerechtigkeiten gegenüber den Evangelischen vorgekommen. Immerhin war die Zeit bis zu Ferdinand II. für die Ausbreitung und Festigung der evangelischen Kirche im ganzen Lande recht günstig. Ferdinand II. (1619-1637) griff schon stärker die Evangelischen an und in seiner Zeit begannen die schwersten Zeiten schon ihre Schatten vorauszuwerfen. Einerseits begannen und erfolgten die Unterdrückungen durch die katholische Kirche, andererseits wurden unsere Ahnen durch die Kriege, die oft über sie hergingen, schwer bedrückt. Der Weg des Kreuztragens nahm seinen bitteren Anfang. Die evangelische Gemeinde in Ratzersdorf wurde aber besonders nach dem Regierungsantritt Ferdinand III. (1637-1657) schwer betroffen. Dieser gab die Herrschaft zu Ratzersdorf dem eifrigen katholischen Grafen Franz Keglevics de Bussin und dieser Graf wollte die Evangelischen des Dorfes mit Stumpf und Stiel ausrotten. So nahm er ihnen schon im Jahre 1638 die Kirche weg und vertrieb den damaligen evangelischen Pfarrer Rudolf Müller, nachdem er ihm vorher sein Hab und Gut weggenommen hatte. Nach der Überlieferung wurde der Pfarrer vom damaligen Gemeindediener (Kleinrichter) bis an die Grenze des Dorfes geführt und mit einem Fußtritt in die Verbannung gestoßen. Doch nicht allein das. Der Graf ließ alle Evangelischen, die nicht katholisch werden wollten, von Haus und Hof jagen und brachte an ihre Stelle katholische Slowaken. Früher schon im Jahre 1550 fand eine Nachsiedelung von Kroaten statt, da die deutschen Bewohner durc die Kriege des 15. und 16. Jahrhunderts schwere Verluste erlitten. So kamen die evangelischen Deutschen in eine immer schwierigere Lage. Viele, die vor die Wahl gestellt wurden: Glaube oder Heimat, haben es getan, wie die Salzburger, wo Schönherr das Stück Glaube oder Heimat sich abspielen läßt.Es könnte geradeso hier und an anderen Orten seinen Hintergrund haben. Wie manche Namen, die noch im Bergbuch aus den Jahren 1607-1664 verzeichnet sind, sind verschwunden, weil ihre Träger um des Glaubens willen die stiefmütterliche Heimat zurücklassen und auf die Suche nach einer neuen Heimat gehen mußten.

    Damals verlor die evangelische Gemeinde, wie viele anderen Geeminden, alle Güter, die sie im Laufe der Jahre erstanden hatte. Sie sollten erkennen, wie trügerisch alle irdischen Güter sind, und in der Flucht der Erscheinungen nur ein Gut von niemandem weggenommen werden kann - der seligmachende Glaube an Jesus Christus. Es war das Maß noch nicht voll. Die ärgste Zeit kam erst mit Leopold I. (1657-1705).  Während seiner Regierungszeit wurden die Evangelischen seines Reiches, Gemeinden unter dem Kreuz. Was sich in den Jahren 1670-1681 ereignete, was in diesen zehn Jahren die Evangelischen des Landes zu erleiden hatten, übertraf alles, was bis dahin mit ihnen geschah. Ein Geschichtsschreiber sagt über jene Jahre: "Ich glaube nicht, daß die Geschichte der europäischen Staaten etwas entsetzlicheres aufweisen kann, als die Verfolgung des Protestantismus in Ungarn zu dieser Zeit war; sie grenzt an die Greuel, welche Spanier an den unschuldigen Inkas verübt haben." In jener Zeit wurden evangelische Pfarrer als Galeerensklaven verkauft, 24 evangelische Männer zu Eperies hingerichtet, und am Ende der Regierungszeit dieses grausamen Herrschers waren es an 800 Kirchen, die man den Evangelischen im ehemaligen Ungarn, hauptsächlich aber denen in unseren Gebieten weggenommen hatte. Wie sollte es, in einer solchen Zeit der Trübsal, der Gemeinde in Ratzersdorf anders oder besser gehen. Auch sie trug das schwere Kreuz mit mit vielen anderen Gemeinden. Nur heimlich konnten sie evangelisch sein und ihres Glaubens leben. Nach außen mußte man katholisch tun. Nach der Überlieferung kam man in den Kellern zusammen, um versteckt aus dem Worte Gottes Trost und Kraft zu schöpfen, um sich aus den Postillen zu erbauen. Und heimlich trug man das Feuer im Herzen, man hütete es und bewahrte es auf, und man suchte es hinüberzuretten in eine erhoffte bessere Zeit. Da alles katholisch sein mußte, die Taufe, das Abendmahl, das Begräbnis, wie die Trauung, so schuf man sich für die fehlenden evangelischen Funktionen einen Ersatz, so schlecht und recht, und so gut es eben ging. Und wenn dann der katholische Pfarrer seines verrichtet hatte, ging man heim, verrichtete daheim, nach eigener aber evangelischer Art, noch einmal die Funktion. Und erst dann war es richtig. Erst dann war eine Ehe wirklich geschlossen. Es sind noch heute die überlieferten Bräuche vorhanden. Leider sind die Aufzeichnungen schon recht mangelhaft und haben von dem großen Schatz wahrer evangelischer Volksfrömmigkeit und Volksdichtung im Laufe der Zeiten schon viel verloren. Die Eheschließung hatte eine Angelobungsformel und eine feierliche Einsegnung, wie es nicht anders auch heute noch in der Kirche stattfindet. Das war echter evangelischer Sinn, evangelischer Geist, treuer Glaube und noch treueres Festhalten am ererbten Gute. Konnte die Kirche, entblößt ihrer Mittel  und Amtsträger, ihren Gliedern nicht dienen in Leid und Freud, so half man sich wie einst die alten Christen. Auf dornigen Pfaden wanderte man durchs dunkle Tal des Lebens und obgleich die Füße wund wurden und das Herz oft zagte und bangte in der schweren Nacht der Trübsal, man verzagte nicht, weil in allem Dunkel, trotz Not und Tod der Verfolgung, das Licht des Evangeliums sich nicht auslöschen ließ. Es leuchtete in den Herzen und erleuchtete die Menschen und mit diesem Licht ließ es sich auch auf den dornigen Pfaden des dunklen Tales pilgern bis zur Morgendämmerung eines neuen Tages.

 

Ein neuer Morgen.

 

    Noch lange nach der Leopoldinischen Verfolgungszeit lag das Dunkel über dem Lande. Da und dort schien es schon, als wollte der dornige Weg ein Ende nehmen und als zöge schon die Morgendämmerung herauf. Doch mancherorts verdeckten noch dunkle Gewitterwolken die leuchtende Sonne, schwere Nebelschwaden ließen das Dunkel nicht erhellen. So wanderte man noch lange durch das dunkle Tal der Verfolgung und Unterdrückung evangelischen Glaubens und evangelischer Gemeinden. Nur hie und da leuchtete es etwas auf und gab Kunde von einem neuen Morgen. Doch bis die hellen Strahlen der Morgensonne das Dunkel durchbrachen und die dichten Nebelschwaden zerteilten, gingen noch Jahrzehnte ins Land. Erst als der edle Volkskaiser Josef II. (1780-1790), nach seiner Mutter Maria Theresia, den Thron bestieg und am 25. Oktober 1781 das Toleranzedikt herausgab, da war ein neuer Morgen angebrochen und helle überstrahlte die aufgehende Morgensonne das ganze weite Land. Auch in Ratzersdorf zerteilten sich die dunklen Nebelschwaden und mit dem neuen Morgen kam eine neue Freude in die Herzen der Väter. Man durfte wieder offen evangelisch sein, man konnte wieder Kirchen bauen und in neuen Kirchen wieder frei das Wort Gottes verkündigen und hören. Wohl war die einstige blühende Gemeinde durch den schrecklichen Rauhreif zu einem gar kleinen Häuflein zusammengeschmolzen. Doch auch für diese kleine Herde galten die Worte des tröstenden und stärkenden Liedes: "Verzage nicht, du Häuflein klein." Zu einer Kirche reichte es nicht gleich, auch nicht zu einem eigenen Pfarrer. So suchte man glaubensbrüderliche Hilfe und fand sie bei dem stärkeren Bruder, bei der evangelischen Gemeinde Preßburgs. So wurde man zu einer Tochtergemeinde der Gemeinde, die einst in Ratzersdorf 16 Jahre hindurch Trost, Kraft und Hilfe gefunden hat.

    Aber das kleine Häuflein der neuwerdenden Gemeinde half sich nun wie es eben ging. Das Recht auf eine evangelische Schule hatte man auch und so machte man von ihm Gebrauch. Im Jahre 1800 hat man den ersten Lehrer der neuen Gemeinde berufen - Daniel Makoviny. Er blieb bis zum Jahre 1804. Nachdem man keine eigene Heimstätte für die Schule hatte, mußte man immer wieder ein Zimmer mieten. So ging es 12 Jahre hindurch. Im Jahre 1812 machte man diesem unhaltbaren Zustand ein Ende und erbaute unter großen Opfern die erste Schule. Im Jahre 1810 folgte dann auch ein Lehrer Andreas Steberl, der 23 Jahre lang der Gemeinde einen großen Dienst erwies. Während seiner Tätigkeit erstarkte die Gemeinde immer mehr, so daß man am ersten Mai des Jahres 1834 zu einer Muttergemeinde wurde. Nun wurde auch ein Pfarrer berufen Johann Pospisch aus Wald in Obersteiermark. Der Glaubensmut der Gemeinde war aber ein großer und so wagte man auch noch größeres im Vertrauen auf den Gott, der bisher so gnädig geholfen. Ein Wagnis des Glaubens war es, als die Gemeinde den Entschluß faßte, auch eine neue Kirche zu bauen. Viele Schwierigkeiten galt es zu überwinden, denn von allen Seiten wollte man das Werk verhindern. Der erste Pfarrer der neuen Gemeinde hat jene kampfreichen Tage festgehalten, damit spätere Geschlechter aus dem Kampf der Väter lernen möchten das schwer erkämpfte teure Gut des Glaubens zu schätzen und zu lieben und dafür auch einzutreten, wie es einst die Väter getan haben. Zuerst wollte man ihnen kein Grundstück geben, dann wieder hat der Fürst Anton Pálffy Grundherr des Dorfes, ihnen ein abgelegenes versumpftes Wiesenstück angewiesen, wo die Erdarbeiten mehr gekostet hätten als der ganze Kirchbau und als man endlich, mit Hilfe des energischen Generalinspektors Paul v. Skultéty, einen annehmbaren, wenn auch noch etwas sumpfigen Platz erreicht hatte, kamen alle katholischen Bewohner des Dorfes, bei der Zuerteilung desselben an die evangelische Gemeinde, unter der Führung des katholischen Richters auf das Grundstück und suchten die Übergabe durch Drohungen, Streit und großen Lärm zu verhindern. Die Evangelischen sollten eben keine Kirche bauen dürfen. Der Chronist Pfarrer Johann Pospisch schreibt in seinen Aufzeichnungen über die traurigen Erfahrungen der Gemeinde schon bei der Zuweisung des ersten versumpften Grundstückes: "Hierüber ward die Gemeinde traurig und wollte Gegenvorstellungen machen, allein unter heftigem Streit, Lärm, Zank und Widerspruch der katholischen Gemeindeglieder wurde sie gar nicht mehr angehört, und zum Schweigen verwiesen." Abschließend fügt er dem Bericht über die bitteren Erlebnisse diese Bemerkung hinzu: "Dieser  Widerspruch der Katholiken ist ein offenbarer Beweis ihrer großen Unduldsamkeit. Das ist wohl traurig, wenn man solche Erfahrungen  machen muß - in einem Lande, wo die Protestanten gleiche Kirchenrechte mit den Katholiken, laut den Gesetzen des Landes, haben sollen!" Wir sehen, auch damals gab es trotz aller schönen Gesetze, viel Ungleichheit und das scheint in dieser Welt so sein zu müssen. Endlich aber ist "unter heftigen und mancherlei Widersprüchen und Hindernissen" wie Pfarrer Pospisch schreibt, "diese Kirchenangelegenheit doch dahin gediehen, daß man den von der Gemeinde gewünschten Platz... am 4. August 1834 zum freyen Eigenthum und Besitz der evangelischen Gemeinde allhier öffentlich und feyerlich übergeben hat." Und "sogleich den Tag darauf" heißt es weiter in den wertvollen Aufzeichnungen dieses tüchtigen ersten Pfarrers "grub man schon 3 Kalkgruben - am 6. August das Fundament, am 7-ten wurde schon der Kirchen-Bau selbst begonnen, am 19. September 1834 haben die Maurer schon den Freudenbaum aufgepflanzt, am 27-ten desselben sind die Kirchen-Mauern ganz vollendet worden". Die Arbeit ging so rasch weiter, daß noch vor Eintreten der Winterkälte die Kirche "mit weißen Schiefern gedeckt" wurde. "Sobald im Monath Feber 1835 der Frost nachgelassen - ja es fror noch zuweilen - begannen die Maurer die Kirche zu putzen." Auf diese Weise wurde die Kirche bald fertig und konnte am 17. Mai, den 4, Sonntag nach Ostern, am Sonntag Cantate feierlich eingeweiht werden. Es war ein wirklicher  Cantate-Sonntag, voll fröhlichem Jubel und Lobgesang. Von nah und fern war man gekommen die Freude der Gemeinde zu teilen. Pfarrer Pospisch schreibt: "bey welcher Feyerlichkeit so viele Fremde gegenwärtig waren, daß nur sehr wenige Einheimische in der Kirche Platz fanden." An Opfer sind damals eingekommen 194 fl. 11 Kr. Der Bericht über diese große Tat Gottes schließt mit den bedeutenden Worten: "Gott erhalte nun dieses sein Haus, und behüte es vor allem Unglück und Gefahr! - und lasse darin die Gemeinde in alle Wahrheit geführt, und so unterrichtet werden zum ewigen Leben! Amen!"

    Die Kirche war eine Toleranzkirche, gebaut nach den Vorschriften die damals für den Bau evangelischer Kirchen allgemein galten. Nun konnte die Gemeinde innerlich gebaut werden. Sie zählte in jenen Tagen 79 Familien mit 402 Seelen. Der treue Diener am Worte Johann Pospisch ist am 15 April 1846 gestorben. Ihm folgte dann L. F. Bukwa,  diesem Gustav Moczkovcsák, die in ruhiger Zeit am Ausbau der Gemeinde wirken konnten. Die Gemeinde kaufte in dieser Zeit ein Kurialhaus, von dem Marientaler Paulinerorden, und bestimmte es zur Pfarrwohnung. Als dann Pfarrer Gustav Polevkovics als vierter Pfarrer dem Ruf der Gemeinde folgt, wurde während seiner Amtswirksamkeit, 1869 im Hofe des Pfarrhauses eine neue Schule errichtet und aus dem alten Schulgebäude wurde durch Umbau eine Lehrerwohnung gemacht. Opfer und immer wieder Opfer mußten gebracht werden um die Gemeinde auszubauen. Und man brachte die Opfer willigen Herzens, denn man wußte, was man an der Gemeinde hatte. Während der Amtszeit des Pfarrers Polevkovics fand am 24. Juni 1877, die erste kanonische Kirchenvisitation der neuen Gemeinde statt. Sie wurde vom Superintendenten Ludwig Geduly durchgeführt. Damals hatte die Gemeinde schon 131 Familien mit 606 Seelen. Die Visitation war ein großer Tag der Gemeinde. Im Jahre 1885 am 17. Mai feierte man das 50jährige Jubelfest. Im Jahre 1894 mußte man wieder eine neue Schulklasse errichten. In den achtziger Jahren aber kam über die Gemeinde ein Auswanderungsfieber, das bis zum Jahre 1894 36 Seelen teils nach Amerika, teils nach Antunovac in Slawonien entführte. Nach dem Pfarrer Polevkovics folgte im Jahre 1900 Pfarrer Karl Otto Schulze. Im ersten Jahr seiner Amtstätigkeit, im Jahre 1901 am 14. April fand die zweite kanonische Visitation der Gemeinde statt, die Bischof Dr. Fr. Baltik durchgeführt hat. Auch sie war ein großes Ereignis für die Gemeinde. Bald darauf im Jahre 1905 hat man an die Toleranzkirche einen Turm gebaut und drei Glocken wurden von opferfreudigen Gemeindegliedern gespendet.

 

Das nachfolgende Bild wurde mir freundlicher Weise von Hans Gschweng in Lodi (USA) zur Verfügung gestellt. Ebenfalls die Informationen sind von ihm und seinem Vater Fritz Gschweng.

 

Kirchturm1905.jpg (728023 Byte)    Feier anläßlich der Einweihung des Turmbaues 1905

 

Ein Jahrhundert war vergangen, aus einem neuen Morgen ward ein neuer Tag. Aus dem kleinen Häuflein war wieder eine stattliche Gemeinde von 745 Seelen geworden. Schule, Kirche und Glocken waren wieder eine Zierde der Gemeinde. Und durch manche Opfergaben war auch die wirtschaftliche Lage der Gemeinde wieder gesichert, soweit eine Sicherung des Bestandes von Menschen  aus möglich ist. Nun konnte man wieder getroster weiterwandern, denn in Leid und Freud ward einem jeden, der es nur wollte, das helle Licht des Evangeliums eine Quelle des Trostes, der Kraft und frohen Lebensmutes. Die erleuchtenden Strahlen der Morgensonne, die das Dunkel durchbrachen und die Nebel zerteilt haben, waren kein trügerischer Schein, sie brachten mit einem neuen Morgen einen neuen Tag.

 

Aus unseren Tagen.

 

    Der große Krieg kam und ging wie ein schweres Ungewitter über Länder und Völker hinweg. Überall ist Leid und Trauer eingezogen und die Menschen zagten und bangten, viele verzagten auch und wurden am Leben irre. Auf den Trümmern einer Welt, die sich selbst in ihrem Haß, in ihrer Trennung von Gott, ja in ihrer Gottlosigkeit, zerfleischt und vernichtet hat, wollten nun viele ohne Gott bauen und ihre Lebensstraße dahinziehen. Aber ohne Gott ist keine Ruhe, kein Friede für die Welt und ihre friedlosen Menschen. Mehr denn je greift die Unruhe um sich und wieder zeigen sich fahle Gewitterwolken am Firmament. In diesen schweren Zeiten wollen wir uns alle aufmachen wie der verlorene Sohn und zurückkehren zu dem Vater, den wir verlassen haben.

 

Gedenktafel.jpg (315495 Byte)   Gedenktafel für die Gefallenen des I. Weltkrieges                                                

 

    In der Gemeinde Ratzersdorf ist das furchtbare Ungewitter auch nicht spurlos vorübergezogen. Viel teures Vätererbe ist verlorengegangen und einem neuen Geist gewichen. Schon früher, vor dem großen Weltkrieg, hat man vielfach die heimatliche Scholle, die man einst von den Vätern geerbt hat, preisgegeben und sie eingetauscht mit unsicheren Fabrikarbeiterstellen, weil diese scheinbar besser entlohnt wurden. Viel Boden, manches evangelische Gut ist so in fremden Besitz gekommen. Nach dem Krieg aber ist der Geist eingezogen, der den alten Trachten, dem alten Brauchtum nicht mehr hold war und so verlor man mehr als man ahnt an wertvollem teuren Vätergut. Die alten Ordnungen und Bindungen, sie haben sich gelockert. Aber wo ein Volk aus den göttlichen und irdischen Ordnungen und Bindungen alles Menschenlebens herausgerissen wird, da ist es wie ein entwurzelter Baum. Das feste Gefüge zerbricht und das Volk fällt der Zersetzung und Auflösung anheim. Darum kann in unseren Tagen nicht genug davon gesagt werden wie notwendig die Rückkehr zur Scholle, zur Bodenverbundenheit, zu alter Vätersitte ist, weil dies alles das feste Band bildet, das gesundes Dorf- und Bauernleben bewahrt. Das gesunde Bauerntum, verwachsen mit Scholle und Heimat, verwurzelt im Heimatboden, weiß auch von der Verwurzelung alles Lebens in Gott und getragen von den Kräften echter bäuerlicher Frömmigkeit und echtem Heilandsglauben hat es die Kraft, die zum Bestande einer Gemeinschaft und eines Volkes notwendig und unentbehrlich ist. Wohl regt sich in der Gemeinde schon ein neuer Lebenswille. Der Geist der Opferfreudigkeit ist noch nicht erlahmt, er hat gerade in unseren Tagen große Werke vollführen lassen. Im Jahre 1931, als die alte Schule schon zu klein geworden war, entschloß man sich zu einem Neubau. Und es wurde eine neue und schöne Schule gebaut. Sie ist eine wahre Zierde der Gemeinde. Zwei Jahre darauf im Jahre 1933 wurde an der Stelle des alten Pfarrhauses ein neues gebaut und kaum nach wieder zwei Jahren am Tage des hundertjährigen Gedenkens an die Weihe der Toleranzkirche von 1835, am 1. Mai 1935, wurden von opferfreudigen Gemeindegliedern zwei neue Glocken gespendet. So klingt nun wieder das vertraute Glockengeläut in seinem wundervollen Dreiklang - Glaube, Liebe und Hoffnung. Der erste Mai des Jahres 1935 war ein großer Tag feiernden Gedenkens. Wieder war man am Meilenstein eines langen Weges angelangt. Von nah und fern, wie einst vor hundert Jahren, war man herbeigeeilt um die Freude der Gemeinde zu teilen und mit ihr dem Herrn, der so gnädig alles geleitet, Lob und Dank zu singen und zu sagen......

 

Die nachfolgenden Bilder hat mir freundlicher Weise Otto Ruckriegl zur Verfügung gestellt.

 

Glocke01.jpg (596774 Byte)    Glocken werden vom Bahnhof abgeholt

Glocke02.jpg (556745 Byte)    Transport der Glocken vom Bahnhof zur Kirche

Glocke03.jpg (547439 Byte)    Geistliche Würdenträger begleiten die Gocken (rechts Gustav Wengh)

Glocke04.jpg (528787 Byte)    Gemeindemitglieder am Tag des Glockenzuges vor dem Turm

Glocke05.jpg (552358 Byte)    Gemeindemitglieder am Tag des Glockenzuges vor dem Turm

Glocke06.jpg (514025 Byte)    Pfarrer Desider Alexy (links) anläßlich des Glockenzuges

Glocke07.jpg (455396 Byte)    Glocken werden auf den Turm gezogen

 

Wie vieles hat sich in den hundert Jahren geändert und verändert. So kommen und gehen die Zeiten und Menschen, aber in allem Werden und Vergehen bleibt eines unverändert, das ewig leuchtende Evangelium, das Wort des ewigen Gottes, das bis an der Welt Ende, und wenn gleich alles vergeht, unvergänglich in der Flucht der Zeiten steht - allen Menschen als ein Hort und Anker zur ewigen Seeligkeit. Wird aber dieses Wort wieder, wie in den Vätertagen, der Gemeinde zum teuersten aller Güter werden, wird man wieder nach den Ordnungen Gottes leben und werden die Gebote Gottes im Leben der Gemeinde, nach seiner ganzen Weite und Tiefe, wieder die bestimmende Kraft sein, dann werden die Engel Gottes Wache halten, behüten und bewahren die Gemeinde auch in den schweren Tagen der Gegenwart. Denn wo ein Volk Gott anhangt, dort ist Gott mit ihm. Die Geschichte des Volkes Israel und die Geschichte aller Völker zeigt uns das. Diese Geschichte zeigt aber auch den Untergang und das Verderben der Menschen und Völker, die da wähnen ohne Gott leben zu können. Ihr Wähnen ist ein Wahn, des Ende das Verderben.

 

Ratz01.jpg (50429 Byte)    Der obere Teil von Ratzersdorf, rechts die ehemals evangelische Kirche

 

Luginsland...

 

    Die Bilder vergangener Tage sind lebendig geworden und es mag mancher mit bewegtem Herzen an jene denken, die einst für ihn gelebt, gekämpft und gelitten haben. Es waren die eigenen Väter und Mütter. Wie mag mancher Vater in den leidvollen Jahren mit großer Sorge in die Zukunft geblickt haben. Wie mochte manche Mutter voll Bangigkeit ihr Kind unter dem Herzen getragen und auferzogen haben. Heute liegen sie schon lange Jahrzehnte und Jahrhunderte in der Heimaterde oder vielleicht auch irgendwo in weiter Welt und harren der Auferstehung. Wir aber wandern unsere Straßen immer der Zukunft entgegen. An der evangelischen Kirche des Dorfes führt ein Weg hinauf auf eine Anhöhe, die die Ahnen einst Luginsland benannten. Weit sieht man von dieser Anhöhe ins Land. Das Auge schaut die waldigen und rebenbekränzten Höhen gegen Preßburg und St. Georgen und die weite Ebene. Aus der weiten Ferne aber grüßen die Türme herüber. Ein schönes Land das Land der Väter. Wie schwer mag es manchem geworden sein in den Tagen der Verfolgung den Wanderstab zu ergreifen und das schöne Heimatland zu verlassen. Sie zogen aber, wenn auch schwer, doch getrost von hinnen, denn aus weiter Himmelsferne grüßten sie die Berge und die Türme eines noch schöneren Heimatlandes. Sie lugten hinaus ins Land und voll Sehnsucht im Herzen gingen sie der Heimat des Friedens entgegen. Luginsland... Wer sieht wohl die Berge, von welchen uns Hilfe kommt, wer die grüßenden Türme der himmlischen Stadt von den Anhöhen des Lebens, auf die uns der Herr geleitet? Ein Luginsland war die Anhöhe, auf der die feiernde Gemeinde am 1. Mai 1935 der Väter gedachte. Es war eine Rückschau auf den zurückgelegten Weg in dankbarer Freude. Aber es gilt auch Ausblick zu halten, zu schauen nach dem Land, das vor uns liegt. Ungewiß liegt die Zukunft vor uns. Langsam steigen Gewitterwolken auf und grelle Blitze zucken nieder. Die Menschen und Völker haben die rechte Heimat, das letzte Ziel alles Lebens aus den Augen verloren und unabsehbar ist das Ende der Wege, auf denen man, von Irrlichtern verführt, dem ungewissen Zukunftsland entgegengeht.

   

    In dieser wirren Zeit aber werden wir oft von unsichtbarer Hand auf Anhöhen, auf ein Luginsland geführt, damit wir uns nicht verirren, sondern in weiter Ferne die glühenden Bergesspitzen und die grüßenden Türme der himmlischen Heimat sehen. Wohl dem Menschen, wohl dem Volk und wohl der Gemeinde, die diese Heimat schauen und, von solcher Heimatsliebe und Heimatssehnsucht erfüllt, die Wege suchen, die in diesem Labyrinth der Welt allein hinführen. Dann kann man getrost von den Anhöhen wieder in das Tal des Lebens steigen, denn nun sind es nicht schwankende Irrlichter, die auf abgründige Wege führen, sondern es sind die Engel des Herrn, die sicher den Wanderer geleiten. So wollen auch wir uns aufmachen, von der Höhe Luginsland, wo wir die grüßenden Berge und Türme der ewigen Heimat geschaut, hinabsteigen ins Tal und weiterwandern der Heimat zu. So oft aber die Stimmen der Welt uns verwirren und die Irrlichter uns verführen wollen, wollen wir hinaufsteigen auf die Anhöhe Luginsland und schauen die Wahrzeichen des schönsten Heimatlandes und gestärkt im Glauben durchs Weltgetümmel pilgern, bis auch wir einst Einzug halten können ins ewige Vaterhaus.

 

Desider Alexy

 

Geschichte Ratzersdorf´s in Zahlen und Fakten

Evangelische Pfarrgemeinden (deutsche) in der Slowakei 1935

Konfirmation 1941 (Namensliste)